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Pop-Anthologie (143) : Wann ruft man Olé?

Flamenco-Legende Manolo Caracol bei einem Auftritt im Jahr 1972, kurz vor seinem Tod. Bild: Altafonte Network S.L./YouTube

Flamenco ist ohne Olé nicht denkbar. Doch außerhalb Spaniens weiß kaum einer, wann der Ruf in der Musik passt. Der Gitarrist Rafael Cortés aus Essen ist eine Ausnahme. Ein Interview mit alten Video-Aufnahmen.

          10 Min.

          Wir treffen Rafael Cortés in den hinteren Räumen des Café Roma in Gelsenkrichen, wo noch geraucht werden darf und der 83 Jahre alte sizilianische Besitzer einen weithin bekannten Espresso serviert.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Herr Cortés, was heißt Olé?

          Das Wort wird mit dem Akzent hinten seltsamerweise falsch geschrieben, abweichend von der Phonetik. Denn gesprochen wird es eigentlich wie Óle. Alternativen wären Ála oder Éle. Olé ist eigentlich ein Ausdruck der Bewunderung. Man ruft ihn aus, wenn gerade etwas sehr Schönes passiert. Es ist ein Zeichen des Erstaunens und bedeutet so viel wie: „Es hat mich gepackt, mein Gott!“. Es ist ein sehr großes Kompliment, wenn man als Musiker ein ehrliches Olé herauskitzeln kann.

          Klassische Beschreibungen im Wörterbuch sind „Hurra!“, „Bravo!“, „Weiter so!“ – der Begriff umfasst offenbar sehr viele Bedeutungen.

          Es steckt so vieles in dem Begriff. Ich bin übrigens noch nie in meinem Leben danach gefragt worden, was Olé bedeutet und hatte mir vor Ihrer Anfrage auch noch nie Gedanken darüber gemacht. Aus meiner Sicht bedeutete Olé ursprünglich: „Wie göttlich!“. Das mag vielleicht überraschen, aber ich hänge der Theorie an – Spanien war ja fast 800 Jahre besetzt von den Mauren, was natürlich Spuren hinterlassen hat –, dass es vom arabischen „Allah“ stammt. Auch dieses Wort gibt es heute noch im Sprachgebrauch in Spanien, es heißt einerseits: „Ja, dann mach mal“, „Sieh zu, wie du klar kommst“, aber es kann auch Olé substituieren. Ich glaube, dass die Christen das Wort von den arabischen Muslimen übernommen haben, in der Bedeutung von „Lobet den Herrn!“. Auch in der Musik gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen dem Flamenco und der Música Andalusí. Und bezeichnenderweise sagen die Araber und auch die Türken in der Musik an derselben Stelle „Olé“/„Allah“ wie wir Spanier und Gitanos.

          Eine allgemein-verbindliche Theorie gibt es auch zu den Ursprüngen des Flamenco nicht. Wie hat sich aus Ihrer Sicht die Musik der Roma, der Gitanos, mit der spanischen verbunden?

          Bild: Rafael Cortés

          Meine persönliche Meinung ist – und ich bin halb Spanier, halb Gitano -, dass Flamenco zu 80 Prozent den Zigeunern gehört. Ich weiß, dass man sich mit dieser Theorie viele Feinde machen kann, aber das ist meine feste Überzeugung. Der vielleicht bedeutendste Flamenco-Gitarrist, Paco de Lucía, ein Art Messias dieses Musikstils, bei dessen Konzerten ich dabei sein durfte, er war wohlgemerkt kein Gitano, sagte in jedem Interview, wenn er darauf angesprochen wurde, er habe alles von den Zigeunern gelernt. „Meine einzigen Richter“, sagte er, „sind die Gitanos“. Historisch kann man folgendermaßen argumentieren: Im 15. Jahrhundert wurden die Zigeuner in Spanien unterdrückt, versklavt, und haben hauptsächlich in fraguas, in Schmieden, gearbeitet, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zugleich waren sie sehr musikalisch und haben wohl bei der Arbeit ihre Traurigkeit in der Musik ausgedrückt. Nehmen wir den Flamenco-Stil Seguiriya, hier gibt es einen Takt, der an den der Schmiedehämmer auf dem Amboss erinnert, es waren cantes de fragua, „Gesänge der Schmiede“, die meiner Meinung nach später, im unmittelbaren Zusammenleben, mit der spanischen Folklore vermischt wurden.

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