https://www.faz.net/-gsd-acrw9

Pop-Anthologie (119) : Hat die Spinne auch Angst vor mir?

  • -Aktualisiert am

Wie üblich etwas am Rand: John Entwistle (ganz rechts) neben Roger Daltrey, Keith Moon und Pete Townshend Bild: Picture-Alliance

Rocktexte über Spinnen sind ziemlich rar, sich in eine hineinzuversetzen, ist noch seltener. Der Bassist von The Who widmete dem Gliederfüßer Boris einen seiner wenigen Songs. Mit Erfolg.

          5 Min.

          Nein, John Entwistle schrieb keine Liebeslieder. In manchen Songs, etwa in „My Wife“ aus dem Jahre 1971, ging es allerdings um den Moment, wenn eine vormals innige Verbindung zweier Menschen in Eifersucht und Nachstellungen gipfelt. Aber auch solche Stücke sind in seinem Autorenwerk für The Who selten, was hauptsächlich daran liegt, dass Entwistle sowieso kaum als Komponist oder Texter in Erscheinung trat: Für seine Band verfasste er zwischen 1964 und 1984 gerade mal etwas mehr als 20 Songs als alleiniger Schöpfer, zusätzlich wird er bei ein paar Liedern als Co-Autor genannt. Bekanntermaßen war es das Genie von Pete Townshend, das für die großen Hits von „My Generation“, über „Substitute“ und „Pinball Wizard“ bis zu „Join Together“ verantwortlich zeichnete.

          Anders als etwa dem Beatle George Harrison, der zwar im Schatten von Lennon/McCartney stand, aber eben doch eigene Hits haben durfte, blieb Entwistle dies verwehrt: Eine Single mit eigenem Track war bei The Who, zumindest in Europa und Nordamerika, nicht vorgesehen. Bereits bei Gründung anno 1964 stand die kreative Hierarchie der Band fest – sie änderte sich auch später nicht, als LPs im Zentrum des Bandinteresses standen.

          Im Jahr 1966 lief das so: Aus der zweiten Who-LP „A Quick One“ wurde in Großbritannien überhaupt keine Single ausgekoppelt. Der sechs Tage vor dem Album erschienene Top-5-Hit „Happy Jack“ ist tatsächlich nur auf der US-Version von „A Quick One“ zu finden – und die heißt deshalb auch „Happy Jack“. Die LP enthält aber zwei Songs von John Entwistle: „Whiskey Man“ und „Boris The Spider“. Beide wurden live immer wieder gespielt und gehören bis heute zu den Favoriten des Who-Anhangs. Und schließlich schaffte es das dynamische Entwistle-Duo doch, wenn auch hierzulande nur von Hardcore-Fans bemerkt, gemeinsam auf eine Single: Im Frühsommer 1967 erschien „Whiskey Man“ mit der B-Seite „Boris The Spider“ exklusiv in Japan.

          Über die Angst vor Spinnen singen?

          John Entwistle wurde im Oktober 1944 im Londoner Ortsteil Chiswick, geboren. Es hätte eine behütete Kindheit in einem der für diese Gegend typischen Backsteinreihenhäuschen werden können. Aber die Entwistles ließen sich, ungewöhnlich für die 1940er Jahre, kurz nach Johns Geburt scheiden. Der Junge wuchs bei den Großeltern im nahen Acton auf. Für sein späteres Leben war das eine glückliche Weichenstellung. Denn in der Schule befreundete er sich mit einem anderen Jungen aus Chiswick, mit Pete Townshend. Der stieg später in Entwistles Dixie-Band ein, womit sich die Keimzelle von The Who bildete. Doch zurück zu Oma und Opa: Zum Anwesen in Acton gehörte auch ein kleiner Garten. Vermutlich krabbelten dort auch allerlei Spinnen herum und fanden hin und wieder den Weg ins Zimmer des kleinen John. Und der litt, so wird kolportiert, unter Arachnophobie.

          So einfach wird man in der Kindheit erworbene Ängste nicht wieder los. Gut vorstellbar auch, dass John Entwistle im Alter von zehn oder elf Jahren auf dem Weg zur Schule oder beim Herumstreunern an einem jener prächtigen Lichtspielhäuser Londons vorbeikam, möglicherweise am „Rialto“ oder „Granada“, und dort hingen eines Tages Plakate und Bilder von „Tarantula“ in den Schaukästen. Angesichts des sehr groß geratenen Monsters mit rotumrandeten Augen könnte seine Angst einen zusätzlichen Schub erhalten haben. Vielleicht war John auch so mutig, sich mit einem Kumpel in die Nachmittagsvorstellung zu schleichen und der Gigantenspinne dabei zuzusehen, wie sie Angst und Schrecken über einen ganzen Landstrich verbreitet. Joseph Gerhensons reißerischer Soundtrack unterstrich die Gefahr, die von Tarantula ausging, noch drastisch.

          Wäre es für einen Erwachsenen eine gute Idee, von dieser angestauten Spinnenfurcht zu singen? Warum eigentlich nicht! Wenn man die Gabe dazu hat, ist es eine gute Bewältigungsstrategie und würde von wohlwollenden Psychologen vermutlich als „therapeutisches Geschenk“ bezeichnet werden.

          Das fatale Ende für Boris

          Im Lied „Boris The Spider“, das Entwistle auch selbst singt, krabbelt Boris mit seinen acht Beinen über dem Kopf des Erzählers herum, lässt sich zu Boden fallen, versteckt sich, wird unsichtbar, läuft vielleicht unbemerkt ins Schlafzimmer. Er ist ein kleines, haariges Monster. Aber vielleicht, fragt sich Entwistle, „hat es vor mir genauso Angst wie ich vor ihm?“ Das ist gut möglich, aber was hilft diese Erkenntnis dem Menschen, der den Horror erlebt und sich nicht ins Bett traut, solange das Untier, „creepy, creepy, crawly, crawly“, fast lautlos herumstrolcht und überall sein könnte? Da Angst bekanntlich angriffslustig macht, wird Boris, bevor er zubeißen kann, mit einem Schmöker erschlagen.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Topmeldungen

          Griechenland, Türkei, Italien : Mittelmeerländer kämpfen gegen Waldbrände

          Tausende Einsatzkräfte, evakuierte Dörfer und mindestens sechs Tote: Nach einer Hitzewelle sind die Großbrände rund ums Mittelmeer noch nicht alle unter Kontrolle. Auf Sizilien ist die Lage besonders ernst. Russland schickt der Türkei dringend benötigte Löschflugzeuge.
          Auf dem Weg zurück nach Deutschland: Simon Geschke hat die Quarantäne-Zeit überstanden.

          Quarantäne bei Olympia : Athleten als Handelsreisende

          Der Ärger um die Quarantänebedingungen für infizierte Sportler bei den Olympischen Spielen in Tokio legt kulturelle Unterschiede zwischen West und Ost offen. Radsportler Geschke ist endlich auf dem Heimweg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.