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Pop-Anthologie (119) : Hat die Spinne auch Angst vor mir?

  • -Aktualisiert am

Vermutlich weiß die menschliche Hauptfigur des Liedes, dass Spinnen im Grunde nützliche Wesen sind, weil sie pro Tag so einiges an Schädlingen verputzen. Hätte der Sänger keine Angst, würde er Boris sicher als Mitbewohner akzeptieren und ihn sein gefräßiges Tagwerk verrichten lassen. Wäre die Furcht weniger groß, würde er das Tierchen wahrscheinlich mit Hilfsmitteln ins Freie schaffen. Doch John Entwistle, der auf der Bühne selbst dann stoisch blieb, wenn die anderen um ihn herum alles zu Bruch hauten und im Rock’n’Roll-Zirkus die Raubtiere gaben, mochte den winzigen Boris lieber nicht lebendig um sich haben.

In „offiziellen“ Interviews hat John Entwistle nie bestätigt, dass er wirklich unter einer Spinnenphobie litt. Tatsächlich präsentierte er in Stow-on-the-Wold, seinem hochherrschaftlichen Anwesen in der Grafschaft Gloucestershire, neben verschiedenen mehr oder weniger seltsamen Ausstellungsstücken auch in Glas gerahmte Taranteln, Schwarze Witwen und andere Giftspinnen. Angeblich soll er eine Zeitlang auch ein Terrarium mit lebenden Achtbeinern der haarigeren Art besessen haben. Sollte John Entwistle als Kind tatsächlich unter Spinnenphobie gelitten haben, gelang es ihm, sie als Erwachsener zu überwinden. Vielleicht trug „Boris The Spider“ ein klein wenig dazu bei, die Angst zu besiegen.

Möglicherweise trug auch der Erfolg einer anderen Spinne zur Existenz des Songs bei. Comic-Fan Entwistle, der selbst auch zeichnete, mochte die Bildgeschichten von Stan Lee und Jack Kirby – und deren „The Amazing Spider-Man“-Reihe war die erfolgreichste Serie des Marvel-Verlags während der „Silver Age“-Jahre des Superhelden-Genres. Übrigens: The Who bekamen bei Marvel 1975 zur Filmversion der Rockoper „Tommy“ ein eigenes Sonderheft. 

Der Abend, an dem „Boris The Spider“ entstand

Wie es tatsächlich zu „Boris“ kam, kann man sich leicht ausmalenn – zumindest die englische und deutsche Wikipedia sind sich im Hergang einig: Eines feuchtfröhlichen Abends saß John Entwistle mit Bill Wyman, dem Bassisten-Kollegen von den Rolling Stones, zusammen und goss sich einige Hochprozenter aufs Zäpfchen. Zusehends heiterer suchte man nach lustigen Namen für seltsame Tiere und im Verlauf des kindlichen Spiels kam Entwistle auf Boris. Die Spinne hätte natürlich auch „Wilhelm“ oder „Jacques“ heißen können, vielleicht stand das auch kurz zur Debatte. Am Ende entstand das in der LP-Version von „A Quick One“ gerade mal knapp zweieinhalb Minuten lange „Boris The Spider“ in geringfügig weniger Zeit.

Als das Lied am 4. Oktober 1966 in den Londoner PYE-Studios aufgenommen wurde, sang John Entwistle nicht nur die Hauptstimme, sondern auch den schrägen Chor. Dazu verfiel er in eine für ihn ungewöhnliche Stimmlage, den Basso profondo, also eine tiefe Bassstimme, wie sie etwa der Baron Ochs auf Lerchenau in Richard Strauss‘ Hofmansthal-Oper „Der Rosenkavalier“ verkörpert. Erwähnt sei hier, dass nicht nur der Fürst im Singspiel „Ochs“ heißt, sondern die anderen Who-Mitglieder die englische Form „Ox“ als Spitznamen für ihren stoisch-sturen Bassisten wählten, aber das nur nebenbei.

Musikalisch steht „Boris The Spider“ auf einer Stufe mit „My Wife“, „Cousin Kevin“ oder der 1971er Single-B-Seite von Townshends „Let’s See Action“ – dem wunderschön-intensiven Rückblick „When I Was A Boy“.

Im Rückblick ist „Boris“ die bekannteste Spinne in einem Popsong, aber beileibe nicht die einzige. Auch Katie Melua („Spider‘s Web“), Alice Cooper („I Am The Spider“), die Barenaked Ladies („Spider In My Room“), Oingo Boingo („Spider“), die Flaming Lips („The Spiderbite Song“) oder auch die Rolling Stones mit Bill Wyman („The Spider And The Fly“) machten die Achtbeiner mal zum Thema. Doch nur Entwistle spann ein so zeitlos schönes Spinnennetz zu einem Lied. „Boris The Spider“ wurde sogar von Jimi Hendrix geadelt – er bezeichnete das gesungene Gekrabbel als seinen Lieblingssong der Who. Das behauptete zumindest Pete Townshend in seinem langen Kommentar zur Who-Kompilation „Meaty, Beaty, Big And Bouncy“,  die im Dezember 1971 im amerikanische Rolling Stone erschien. Man kann den Artikel im Internet nachlesen – es lohnt sich. Da konnte der hochbegabte Townshend also noch so genial über „Magic Bus“ oder die eigene Generation schreiben, der vermutlich größte „Axemann“ aller Zeiten hatte sein Geschmacksurteil gesprochen.

Boris The Spider

Look, he‘s crawling up my wall
Black and hairy, very small
Now he's up above my head
Hanging by a little thread
Boris the spider
Boris the spider
Now he‘s dropped on to the floor
Heading for the bedroom door
Maybe he‘s as scared as me
Where‘s he gone now, I can‘t see
Boris the spider
Boris the spider
Creepy, crawly
Creepy, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
There he is wrapped in a ball
Doesn‘t seem to move at all
Perhaps he‘s dead, I‘ll just make sure
Pick this book up off the floor
Boris the spider
Boris the spider
Creepy, crawly
Creepy, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
He‘s come to a sticky end
Don‘t think he will ever mend
Never more will he crawl ‘round
He‘s embedded in the ground
Boris the spider
Boris the spider

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