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Pop-Anthologie (115) : Im Zeichen des Drudenfußes

„Fairport Convention“ war 1966 noch unter einem anderen Namen gegründet worden. Erst 1969 stieß Sandy Denny dazu, als „She Moves Through The Fair“ aufgenommen wurde. Im Gedächtnis geblieben ist die Sängerin auch, weil sie später „Who Knows Where The Time Goes“ schrieb, eines der bewegendsten Lieder über Vergänglichkeit: Sie, der selbst kein Altern beschieden war.

Vierzig Jahre liegen zwischen den beiden hier besprochenen Versionen. Die erste beginnt noch ganz akustisch, dann setzt, samtweich im Klang, die Elektrogitarre von Richard Thompson (*1949) ein. Er war neben Sandy Danny eine der prägenden Figuren der Band und gilt heute als einer der großen Gitarristen der Epoche. Die Gitarre war um 1965 noch das Leitinstrument schlechthin, Virtuosen entlockten ihr unerhörte Klänge. Das gilt für Jimi Hendrix, aber auch für Musiker, die der akustischen Gitarre treu blieben wie Bert Jansch (1943 bis 2011) bei „Pentangle“; auch er heute hochgefeiert für seine Kunst. Um die richtige Gitarre – akustisch oder elektrisch – gab es Glaubenskämpfe. Hört man die „Pentangle“-Aufnahme von 2007, dann ist das kaum mehr vorstellbar. Für die immer noch eindrucksvolle Stimme von Jaqui McShee wird ein sympathischer Teppich ausgelegt, mehr muss man zu der Band (die nur noch so heißt wie die frühere) nicht sagen.

Wir ahnen den Untergang

„She Moves Through the Fair“ ist eine Schauerballade. Dabei handelt es sich um ein Lied oder ein Gedicht, in dem die Toten die Lebenden zur unheimlichen Hochzeit rufen, wie wir es im Deutschen von Gottfried August Bürgers „Lenore“ kennen: „Lenore fuhr um’s Morgenrot / Empor aus schweren Träumen: / ‚Bist untreu, Wilhelm, oder tot? / Wie lange willst du säumen?‘“ Das ging auf englische, irische, schottische Vorbilder zurück. Auf der Grundlage von Volksliedern wurde „She Moved Through the Fair“ von Padraic Colum (1881 bis 1972) verfasst. Er sammelte irische Volksweisen, wie Herder die „Stimmen der Völker in Liedern“ und Arnim und Brentano „Des Knaben Wunderhorn“. Im Gedächtnis geblieben ist Colum sonst nur mit der einzigen Zeile „As in wild earth a grecian vase“, die William Butler Yeats rühmte, wie Joyce im „Ulysses“ erzählt. Die Geschichte wird in den knappsten Umrissen erzählt, beide Liedversionen gehen frei mit dem Text um.

Seine Liebste trifft das lyrische Ich; die Eltern haben gegen die Hochzeit nichts mehr einzuwenden; auch der Vater hat den Widerstand gegen seine Herkunft aus niedriger sozialer Schicht („lack of kind“) aufgegeben. Nicht mehr lange wird es dauern! Sie geht über den Markt, den Messeplatz, den Jahrmarkt; er schaut ihr zärtlich nach, auch als sie nach Hause geht, folgt ihr sein Blick; nur ein einziger Stern steht am Himmel – wie der Schwan des Abends überm See.

Wir ahnen den Untergang, herzzerreißend in seiner Schönheit. Colums dritte Strophe lassen beide Versionen aus und verdichten das Unheimliche, indem sie die ausdrückliche Information (das Mädchen ist tot, es wurde von den Eltern umgebracht) streichen. Wir haben diese Strophe im Textkasten unten kursiv gesetzt.

Eines Nachts träumt er, sie komme in sein Zimmer, nur ihre Schritte geben keinen Laut! Sie nähert sich noch mehr – und wiederholt das Hochzeitsversprechen. Das ist Romantik, wie sie Friedrich Schlegel einst entworfen hatte: antiklassisch aufs Mittelalter zurückgehend, ungriechisch aus nördlicheren Breiten stammend, Wirklichkeitsverpflichtungen in Richtung Traum außer Kraft setzend, geprägte Form verlassend zugunsten ungewisser Übergänge und Grenzüberschreitungen.

Padraic Colum: „She moved through the fair“

My young love said to Me
My mother won‘t mind
And my father won‘t slight you
For your lack of kind
And she stepped away fom me
And this she did say It will not be long love
Till our wedding day

She stepp‘d away from me and she moved through the fair,
And fondly I watched her go here and go there,
Then she went her way homeward with one star awake,
As the swan in the evening moves over the lake.

The people were saying no two were e‘er wed,
But one has a sorrow that never was said,
And I smiled as she passed with her goods and her gear,
And that was the last that I saw of my dear.


I dreamt it last night that my young love came in,
So softly she entered, her feet made no din,
She came close beside me and this she did say,
„It will not be long, love, till our wedding day.“

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