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Pop-Anthologie (110) : Wie wird es schmecken, dich zu vergessen?

Ein kleines Wunder

Anders als bei Jiménez war der Alkoholkonsum bei Vargas, diese Deutung legt der Film „Chavela“ fast überdeutlich nahe, vor allem Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems. Schon als Teenager floh die als Isabel Vargas Lizano in Costa Rica Geborene aus ihrem Elternhaus, in dem sie nicht geliebt und in ihrer Andersartigkeit verachtet wurde. Den Schmerz, in ihrer Homosexualität nicht akzeptiert zu werden, ertränkte sie nach eigener Rechnung in 20.000 Litern Tequila. Ein kleines Wunder, dass sie das überlebt hat.

Auf der Bühne duldete man Vargas' Bekenntnis zur gesellschaftlich geächteten Homosexualität gerade noch, abseits davon traf die Sängerin die blanke Verachtung. Als „Scheißlesbe“ bezeichnet zu werden, war, wie in „Chavela“ gesagt wird, im Mexiko des zwanzigsten Jahrhunderts alltäglich.

Poncho und Hosen bestimmten schon früh den Stil von Chavela Vargas.
Poncho und Hosen bestimmten schon früh den Stil von Chavela Vargas. : Bild: Arsenal Filmverleih

Im Privaten und Halböffentlichen gingen Vargas' Liebschaften, darunter auch eine dreijährige Liaison mit Frida Kahlo, in die Dutzende, wenn nicht Hunderte. Frauen und Männer waren, wie nicht nur sie selbst sagt, „verrückt“ nach der attraktiven Sängerin mit der umwerfenden Vitalität, doch auf die großen Bühnen des Landes kam sie nie. Ihre immer ernster werdende Alkoholsucht, die sie auch nach dem Tod des Freundes José Alfredo Jiménez nicht ablegte, führte schließlich dazu, dass sie keine Engagements mehr bekam und sich pleite und gesundheitlich angeschlagen aus dem Geschäft zurückziehen musste. Zwölf Jahre verbrachte sie in einer Art Gartenhütte fern der Metropole. Auch dort ging sie weitere Affären ein, bis sie schließlich, von ihrer jüngsten Liebe verlassen (sie hatte deren Sohn angetrunken das Schießen auf Spinnen mit der Pistole beigebracht), ihre Sucht von einem Schamanen austreiben ließ. Ob das stimmt, weiß niemand, zuzutrauen wäre es Vargas, die nach eigener Aussage an „die alten Götter Mexikos“ glaubte.

Etwa zur selben Zeit ließ Werner Herzog, der sie in dem Film „Cerro Torre: Schrei aus Stein“ besetzen wollte, nach ihr suchen, zudem ergab sich wieder die Möglichkeit zu ersten kleinen Auftritten als Sängerin, bei denen sich die mexikanischen Zuschauer darüber wunderten, dass Vargas nicht schon lange tot war. Damals, zu Beginn der neunziger Jahre, war sie Anfang siebzig, ging zum ersten Mal in ihrem Leben ohne Tequila auf die Bühne und hatte in ihrer zweiten Karriere noch fast zwanzig weitere Jahre vor sich, bevor sie 2012 mit 93 Jahren starb.

Der Gesang widerspricht dem Text

Das Lied „El último trago“ (Liedtext im Kasten unten), das bei Jiménez insgesamt eher wie eine Galanterie im Walzertakt klingt, ist das einzige, das in der Dokumentation „Chavela“ dreimal vorkommt. In wechselnden Umständen passt es immer wieder aufs Neue zu der Biographie der Sängerin. Wer möchte, liest in den Text die Trennung von Frida Kahlo hinein, aber auch als Nachruf auf den Freund Jiménez oder als Auseinandersetzung mit dem Alkoholismus, scheint das Lied wie geschaffen. Je nach Lesart gibt es einige Verse, die weniger gut passen, immer aber treffen einige der Kernaussagen ins Schwarze.

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