https://www.faz.net/-gsd-a71dv

Pop-Anthologie (107) : What Are You Doing New Year’s Eve?

  • -Aktualisiert am

Meditationen im Notfall: Wird Don Draper den Jahreswechsel allein verbringen? Bild: AP

Das beliebte Lied „What Are You Doing New Year’s Eve?“ hat Frank Loesser für den Frühling geschrieben. Dennoch rührt es unser Wintergemüt – und stellt die Jackpot-Frage.

          3 Min.

          Dieses Lied lebt von einem Paradox: Es wird gern zu Silvester gesungen oder abgespielt, weil sein Titel das nahelegt - dabei besteht der Witz darin, dass die Frage bereits Monate vorher gestellt wird: „What Are You Doing New Year’s Eve?“. Dass sie vielleicht ein bisschen früh kommt, ist auch dem lyrischen Ich durchaus klar:

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Maybe it's much too early in the game
          Oh, but I thought I'd ask you just the same
          What are you doing New Year's, New Year's Eve?

          Der Reiz der Frage, aber auch der melancholische Haken des Liedes, liegt in ihrer doppelten Lesart. Die erste geht so: Wenn man das Lied als Erzählung begreift, bleiben sowohl sein „Ich“ als auch sein „Du“ fremd, man kann sich darunter zwei Menschen vorstellen, die vielleicht im Park spazierengehen, und der eine möchte eben schon sehr früh im Jahr wissen, was der andere macht. Das Ich hat Angst, im entscheidenden Moment allein zu sein, es möchte planen, vorbauen.

          When the bells all ring and the horns all blow
          And the couples that we know are fondly kissing
          Will I be with you or will I be among the missing?

          „Among the missing“ möchte dieses Ich auf keinen Fall sein. Und es hat offenbar auch Grund zu zweifeln, wie denn die Lage am Ende des Jahres sein wird. Alles scheint offen:

          Wonder whose arms will hold you good and tight
          When it's exactly 12 o'clock, midnight

          Um an der Antwort keinen Zweifel zu lassen, fällt das Ich mit der Tür ins Haus und bringt sich selbst ins Spiel: „Here comes the jackpot question in advance“. Eine Lottometapher für die Liebe - oder hier eher noch eine aus dem Pokerspiel, das den Jackpot zuerst kannte. Wie auch immer, das lyrische Ich geht mit seiner Frage jedenfalls „all in“. Wie das angesprochene Du darauf reagiert, wird nicht überliefert. Vielleicht ja auch erstmal mit Pokerface, es kommen schließlich noch viele Silvester.

          Aber es gibt noch eine zweite Lesart: Wie so oft in der Popmusik kann sich mit diesem Du ja auch jeder identifizieren, der gerade zuhört. Am Ende des Jahres 2020 kommt, vielleicht mehr denn je, für viele diese melancholische Lesart des Titels zum tragen: Wirst Du den Jahreswechsel womöglich allein verbringen? Wenn man sich die vielen Versionen des 1947 geschriebenen Songs anhört, wird allerdings schnell klar, dass diese Angst schon immer bestand. Man hört sie bei Margaret Whiting, die „What Are You Doing New Year’s Eve?“ als erste aufnahm, ebenso bei Ella Fitzgerald, deren Version zu den bekanntesten zählt. Harry Connick Jr. hat das Lied auf Trauertempo heruntergebremst; die New-Country-Sängerin Kacey Musgraves hat ihm eine Glitzerkur verschrieben, aber so richtig happy klingt es auch bei ihr nicht.

          Das war so nicht im Sinne des Erfinders, des erfolgreichen amerikanischen Songschreibers Frank Loesser, denn der hat es, wie seine Tochter Susan in einem Memoir berichtet, im Frühling geschrieben angesichts flirtender Paare, die Nägel mit Köpfen machen wollen. Vielleicht schwebt ihm ja am ehesten eine kregele Ukulelen-Variante im Duett vor, wie sie die Schauspieler Zooey Deschanel und  Joseph Gordon-Levitt zu einem YouTube-Hit gemacht haben. In jedem Fall aber habe es ihren Vater habe es immer gestört, so Susan Loesser, wenn sein Lied zwischen den Jahren gespielt wurde, denn dafür sei es nicht gemacht gewesen.

          Die Rezeptionsgeschichte freilich ist anders verlaufen: Noch viele weitere Versionen atmen den Geist einsamer Großstadtweihnachten und Jahreswechsel, wie sie zwischen Bildern von Edward Hopper, der Serie „Mad Men“ (besonders in der Folge „The Good News“) und gleich mehreren von Frank Sinatra gesungenen Liedern über die blauen Stunden des Lebens ins kulturelle Gedächtnis eingesunken sind. Nicht selten eignet diesen Bildern, Erzählungen und Liedern allerdings auch eine genießerische Melancholie der Einsamkeit.

          Und mehr noch: „What Are You Doing New Year’s Eve?“ hat wahrscheinlich viele weitere elegische Lieder zum Jahreswechsel inspiriert, von ABBA („Happy New Year“) über U2 („New Year's Day“) bis zur deutschen Band Erdmöbel („Erster Erster“). Auch Van Morissons traurigschönes „Celtic New Year“ klingt wie ein Antwort- oder Komplementärstück zu Frank Loessers Klassiker:

          If I don't see you through the week
          See you through the window
          See you next time that we're talking on the telephone
          And don't see you in that Indian summer
          Then I want to see you further on up the road

          I've made it very clear
          I want you to come back home in the Celtic New Year

          Fran Sinatra übrigens hat „What Are You Doing New Year’s Eve?“ nicht gesungen. Die Frage ging ihm wohl nicht weit genug. Er fragte stattdessen: „What are You Doing the Rest of Your Life?“

          What Are You Doing New Year’s Eve?

          When the bells all ring and the horns all blow
          And the couples that we know are fondly kissing
          Will I be with you or will I be among the missing?

          Maybe it's much too early in the game
          Oh, but I thought I'd ask you just the same
          What are you doing New Year's, New Year's Eve?

          Wonder whose arms will hold you good and tight
          When it's exactly 12 o'clock, midnight
          Welcoming in the New Year, New Year's Eve

          Oh, maybe I'm crazy to suppose
          That I'd ever be the one you chose
          Out of the thousand invitations you receive

          Oh, but in case I stand one little chance
          Here comes the jackpot question in advance
          What Are You Doing New Year’s Eve?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Vakante Plätze: Die CDU auf wirtschaftspolitischer Sinn- und Kopfsuche

          Merz-Niederlage : Wenden sich die Unternehmer jetzt von der CDU ab?

          Viele Unternehmer hadern mit der Merkel-CDU. Ihr Held war Friedrich Merz. Der neue Parteichef Laschet muss nun schnell klären, wie es für den Verlierer und die Partei weitergeht.

          Proteste für Kremlkritiker : Nawalnyjs Ehefrau offenbar festgenommen

          Julia Nawalnaja hat ein Bild veröffentlicht, das sie in einem Polizeifahrzeug zeigen soll. Insgesamt sind bei den Protesten für die Freilassung des Kremlkritikers laut Bürgerrechtlern bislang mehr als tausend Menschen festgenommen worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.