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Pop-Anthologie (142) : Alles so schön bunt hier

  • -Aktualisiert am

Nina Hagen, 1978 Bild: Redferns/Getty Images

„TV-Glotzer“ aus dem Jahr 1978 begründete Nina Hagens Ruf als Stimmwunder und „Godmother of Punk“. Aus einer amerikanischen Vorlage macht sie den vielleicht ersten nihilistischen Songtext deutscher Sprache.

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          Als Angela Merkel im Dezember 2021 mit dem Großen Zapfenstreich aus ihrem Amt verabschiedet wurde, war indirekt auch Nina Hagen anwesend: als Sängerin des Liedes „Du hast den Farbfilm vergessen“, das die Bundeskanzlerin sich für diesen Anlass ausgesucht hatte. Mit diesem ironischen Schlager war Nina Hagen in der DDR der 1970er-Jahre berühmt geworden, aber er führte auch zu einem ersten Zerwürfnis mit diesem Staat. Denn während der Besichtigung einer Firma, die Farbfilme herstellte, kritisierte Nina Hagen die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen und den geringen Lohn der Arbeiter, und das in der ihr eigenen Deutlichkeit: „Dett is Ausbeutung, Herr Parteisekretär“, schrie ich quer durch die Halle, „schlimmer wie im Kapitalismus“, so berichtet sie in ihrer Autobiographie „Bekenntnisse“. Bis dahin war die „staatlich geprüfte Schlagersängerin“ mit ihrer Band „Automobil“ ein Jugendstar der DDR gewesen.

          Auch politisch geriet sie zunehmend in Distanz zum sozialistischen Staat, denn sie gehörte zu einer Gruppe um Wolf Biermann, der ihr Ziehvater wurde. Wie für viele Künstler und Intellektuelle in der DDR stellte die Niederschlagung des Prager Frühlings einen entscheidenden Einschnitt dar. Denn damit war die Hoffnung, den Sozialismus und Freiheitsrechte des modernen Individuums zu verbinden, gescheitert. Nach einem Konzert vor SED-Funktionären traf sie Egon Krenz im Fahrstuhl. „Steif wie ein gefrorener Hering blickte er durch uns hindurch“, erzählt sie. „Na, Jugendfreund Krenz, wann dürfen wir ooch mal in’n Westen fahren, wie die Puhdys und Karat?“ Die Antwort wird so überliefert: „Frau Hagen, wenn Sie Ihr Verhältnis zum Sozialismus geklärt haben und mit dem Klassenfeind Biermann gebrochen haben, reden wir noch einmal miteinander.“

          Im Rebellieren bleibt sie sich treu

          Im Dezember 1976 verlässt sie die DDR und geht zunächst nach Hamburg. Das Leben im Westen sagt ihr aber nichts: „Doch ich konnte das Riesengroße, Kaltbunte der Hamburger Welt zunächst gar nicht richtig verarbeiten: die krachenden Einkaufsstraßen, die anonyme Geschäftigkeit, mit der die Leute aneinander vorbeihasten, den weiten Hafen, der in die Welt aufsprang.“ Sie reist nach London weiter, das sie ebenfalls als kalten Moloch empfindet, vom Kommerz zerfressen. Aber in dieser Welt gibt es eine Insel des Guten, und das ist der Punk. Hier wird sie heimisch und tritt mit der Frauenpunkband „The Slits“ auf. Aus der Rückschau schildert sie es so: „Die Punks inszenierten sich einfach als kreative Kotzbrocken, um nicht gefressen zu werden. Göttlich! War da nicht etwas vom Lieben Gott? Hatte der uns nicht als Originale erschaffen? War diese kapitalistische Stanzmaschine, die uns nicht nur vorschrieb, was wir wie zu essen hatten, wie wir uns kleiden, was wir lieben und verachten müssen – war diese controlfreakige Snobmachine, die sogar die Seelen, die Herzen, die Kunst in gleichgeformte Scheiße verwandeln wollte – war sie nicht eine Erfindung des Teufels?“

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