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Pop-Anthologie (134) : Die Stunde der wahren Empfindung

Aus der Schwärze ins Licht dieser Welt: Gisbert zu Knyphausen Bild: Picture Alliance

Wie es dann wird, kann nur der bucklige Winter entscheiden: Gisbert zu Knyphausens sehr persönliches Lied „Seltsames Licht“ ist Beleg für eine Innerlichkeit, die deutschsprachige Popmusik lange gescheut hat.

          6 Min.

          Nach Empfindsamkeit musste man im deutschen Rocksong lange suchen. Udo Lindenberg hatte zwar seit den frühen siebziger Jahren berührende Geschichten zu Liedern gemacht. Dabei hat er sich in Hermann Hesse lesende Teenager und Frauen am Rande des fünften Lebensjahrzehnts hineinversetzt und tiefschürfende Lebensfragen behandelt. Doch meist ging es nicht um ihn. Eher wie ein Reporter berichtete er über seine Protagonisten. Einfühlend, aber eben nicht innerlich.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Grönemeyer/Westernhagen/Waggershausen klebten in den achtziger Jahren so viel Pathos auf ihre gefühlvollen Songs, dass das lyrische Ich leicht aus dem Fokus verschwand. Kaum anders war es mit den DDR-Rockern Karat und Silly. Der erst spät im Westen gewürdigte Folk-Poet Gerhard Gundermann aus Hoyerswerda entstammt eher der Tradition des Folksongs als des Rockclubs. Und die Hamburger Schule der neunziger Jahre machte bewusst eine Tugend daraus, das Individuum hinter diskursiven  Botschaften zu verstecken. Zumindest bis zum Ende des Jahrzehnts.

          Neue Innerlichkeit

          Somit gab es in den ersten knapp fünf Pop-Jahrzehnten in Deutschland nur einen wirklich empfindsamen und einen zum Teil empfindsamen deutschen Rocksänger: Rio Reiser ist der wirkliche, Wolfgang Niedecken der zum Teil empfindsame. Reiser hatte den Mut, neben seinen politischen Songs mit Ton, Steine, Scherben auch eigene Emotionen zum Thema seiner Songs zu machen. Niedecken hat das in einigen Songs auch gemacht. Bei Reiser vermischte sich manchmal das Politische mit dem Privaten („Der Traum ist aus“), manchmal aber blieb einfach nur das Empfinden („Halt dich an deiner Liebe fest“, „Junimond“). Schonungslos, persönlich, verletztlich.

          Als etwas unerwartet zu Beginn des neuen Jahrtausends deutsche Popmusiker begannen, fast ausschließlich auf Deutsch zu singen, änderte sich das. Rock war in der Folge der Grunge-Revolution weniger breitbeinig, das Rollenvorbild war nicht mehr der alles wissende Ledermann auf der Bühne, der dem jubelnden Publikum neben seinen Radiohits auch noch zurief, wie schlecht Helmut Kohl, die Neue Heimat und die Atomkraft seien. Innerlichkeit trat an ihre Stelle.

          Wie ein Symbol für diese neue Haltung steht der Wandel des Blumfeld-Sängers Jochen Distelmeyer, einst Mannschaftskapitän der Diskurspop-Truppe, der 1999 mit „Tausend Tränen tief“ einen Richtungswechsel vorgab. Auf den ersten Blumfeld-Alben „Ich-Maschine“ und „L’Etat et moi“ noch waren Germanisten im Vorteil gewesen, denen ihre Spex-Lektüre bei der Deutung komplizierter Texte half. Für die Szene war die Wende durchaus verstörend. Der Crooner wurde statt des Rockers zum Rollenvorbild.

          Seither sangen viel zu viele deutsche Sängerinnen und Sänger vorwiegend über das, was in ihnen vorging. Zu viele, weil nicht alle das kitschfrei und berührend hinbekommen. Und weil das Politische in ihren Liedern immer seltener eine Rolle spielte. Das gilt ausdrücklich nicht für Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen, der seit seinem ersten Album „Gisbert zu Knyphausen“ im Jahr 2008 zu einem Inbegriff eines (sehr guten) empfindsamen Sängers wurde. Nachdem die rockige Single „Sommertag“ in einem Andreas-Dresen-Spielfilm zu hören war, wuchs sein Publikum stetig.

          Es ist klar, worum es geht

          „Seltsames Licht“ ist eines seiner eindrucksvollsten und intimsten Lieder. Es ist auf seiner zweiten Soloplatte „Hurra! Hurra! So nicht“ drei Jahre nach seinem Debüt erschienen. Eine berührende Ballade über Kindheitseindrücke, Losungen von Jugendlichen, die sie ausgeben, und den Tod einer geliebten Person. Die fast sechs Minuten lange Folkballade brennt sich schon beim ersten Abhören ins Gedächtnis. Doch einen regelrechten Kloß im Hals kann der Text hinterlassen, wenn Knyphausen ihn auf seinem jährlichen „Heimspiel“-Festival auf dem elterlichen Weingut in Eltville/Rheingau auf der Bühne vorträgt.

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