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Pop-Anthologie (108) : Do you really want to live forever?

  • -Aktualisiert am

Die drei vom Smurfing-Dienst: Alphaville im Jahr 1984 Bild: Picture-Alliance

Nicht Englisch ist die Muttersprache des Pop, sondern Smurfing. Kein Song zeigt das besser als „Forever Young“ von Alphaville. Für das Gefühl wohliger Vertrautheit muss man ihn gar nicht verstehen.

          7 Min.

          Als der kleine Hartwig Schierbaum Anfang der sechziger Jahre sechs oder sieben Jahre alt war, da war sein Lieblingslied „Ghostriders in the Sky“. Den Text hat er bestimmt nicht verstanden, mitgesungen hat er trotzdem. Das kennen wahrscheinlich viele Eltern, deren Kinder in Phantasieenglisch die aktuellen Hits mitsingen.

          „Die Unverständlichkeit blockiert nicht den Zugang zur Popmusik“, meint der Literaturwissenschaftler Eckhard Schumacher, „sie macht vielmehr ein entscheidendes Moment ihrer Attraktivität aus und eröffnet so, unabhängig von institutionell vorgegebenen Regeln, eine eigentümliche Annäherung an das, was man als eine Fremdsprache bezeichnen kann – in diesem Fall jene mit dem Namen Pop.“

          Popguru Diedrich Diederichsen ist nur drei Jahre jünger als Hartwig Schierbaum. Auch er berichtet davon, wie er als Kind mit seinem Bruder vor dem Radio gesessen, die Hitparade angehört und kein Wort von den Beatles-Texten verstanden hat. „Dennoch mussten wir die Titel bezeichnen, mussten unsere Lippen und Gaumen zu irgendwas formen, wenn wir die Songs sangen“, schreibt er. So sei ein Englisch entstanden, das keinerlei Bedeutung hatte. „Als wir Englisch irgendwann auch als ganz normale Fremdsprache lernten, war das schon nicht mehr wegzukriegen, wir konnten bereits ein Englisch, das sich mit diesem zweiten niemals decken würde.“

          Smurfing ist das telepathische Volapük der Popfans

          Pop scheint eine eigene Sprache zu haben. Eine Sprache, die mehr ein Lebensgefühl ausdrückt und weniger konkrete Inhalte.

          1994 schrieb die damals 22 Jahre alte Journalistin Johanna Adorján einen Text über ihre durchgefeierten Nächte:

          „Wir tanzen und singen die Texte mit, so gut es geht. Zumindest formen wir die Lippen möglichst synchron zum Gesang und versuchen, das, was wir hören, wiederzugeben. Dabei trainiert man Intonation, schnelle Reaktion, Englisch und bisweilen auch die Phantasie, denn was zum Beispiel will uns folgende Textzeile sagen: „Life’s full of smurfing“? Das verstehe ich, jedenfalls selbst nach dem hundertsten Hören, nicht. Irgendwann werde ich mir die richtigen Worte vielleicht von einem New Yorker DJ verraten lassen, aber bis dahin werde ich weiterhin mit Stolz mein „smurfing“ schmettern.“

          Das ist die Sprache, von der Schumacher und Diederichsen schreiben. „Über Sex“, heißt es bei Tocotronic, „kann man nur auf Englisch singen.“ Man könnte auch sagen: nur auf Smurfing.

          Smurfing besteht aus ganz alltäglichen Wörtern und Phrasen. „She Loves You“ heißt „Sie liebt dich“. „Live is Life“ heißt „Leben ist Leben“ (oder so ähnlich), „Amadeus“ ist einer der Vornamen von Wolfgang Amadeus Mozart, „I love you“ heißt „Ich liebe dich“ und so weiter und so fort. Aber jedes dieser Wörter, jede dieser Phrasen sind Polyseme, die wie kleine Inseln von einem Ozean aus Pop-Semantik umspült sind. Auf „She Loves You“ antwortet jeder Popfan „Yeah, Yeah, Yeah”. Auf „Live is Life“ singt jeder „Nana na nana“. Bei „Amadeus“ denkt man an „Amadeus, Amadeus – oh oh oh – Amadeus“. Die Wörter und Phrasen können auch nur als rein phonetische Phantasiesprache wahrgenommen werden. Oder auch als produktive Verhörer. Was kann aus Phrasen wie Kurt Cobains „A mulatto, an albino, a mosquito, my libido“ alles werden? Wie viele Menschen haben aus Falcos „Dra di net um“ ein „Da didel dumm“ gemacht?

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