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Pop-Anthologie (108) : Do you really want to live forever?

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Und immer verbindet man das Ganze mit entsprechenden Bildern und Erlebnissen – Bilder aus einem Video, Erlebnisse auf einer Party, auf der das Lied lief. Smurfing funktioniert auch musikalisch. Beispielsweise, wenn Madonna in „Hung up“ die Instrumental-Hook aus „Gimme, Gimme, Gimme“ einbaut. Oder noch allgemeiner, wenn Jochen Distelmeyer in „Der Apfelmann“ das Wort „Baby“ benutzt, wenn Falco in „Der Kommissar“ „Two, Three, Four“ einzählt, dann ist das Smurfing, also etwas, was man, wenn es deutsch gesagt wird, nicht fühlen kann. Das Ohne-Worte-Pop-Gefühl. Smurfing ist das telepathische Volapük der Popfans. Nicht Englisch ist die Muttersprache des Pop, sondern Smurfing.

Das Poplebensgefühl einfangen

Hartwig Schierbaum jedenfalls lernte die Fremdsprache Smurfing sehr schnell. Er wurde Plattensammler und Popfan. In den frühen Achtzigern gab er sich den Künstlernamen Marian Gold und wurde mit seiner Band Alphaville zum Star.

Wenn deutsche Künstler englische Texte singen, dann übertragen sie ihre Smurfing-Rezeption englischer Songtexte in ihre eigenen Kunstwerke. Sie schreiben englische Texte, die weniger versuchen konkret etwas zu erzählen, sondern das Poplebensgefühl einzufangen.

Alphaville sind ein Musterbeispiel für Smurfing-Pop. Die Kunst des Smurfing-Pops besteht darin, Bezüge herzustellen. Eckhard Schumacher erklärt es so: „Ein Arbeiten mit vorgefertigtem Material, das vorgegebene Bedeutungsstrukturen auflöst, indem es sie wiederholt, in der Wiederholung aber zugleich auch verschiebt, verändert, resignifiziert.“ Und Marian Golds Band Alphaville bewegte sich 1984 in einem eng vernetzten System des Verschiebens, Veränderns und Resignifizierens von Pop-Bezügen. Meister-Nerds des Smurfing.

In dem Podcast „Reflektor“ des Tocotronic-Bassisten Jan Müller erzählt Gold, wie die Band Anfang der achtziger Jahre in Münster aus der Künstlerkommune „Nelson Community“ heraus entstanden ist. Mitglieder waren Frank Mertens, Bernhard Lloyd und Gold. Keiner der drei war ausgebildeter Musiker. Entsprechend naiv setzten sich die drei an die neu erworbenen japanischen Synthesizer und experimentierten. Die Band nannte sich zunächst „Forever Young“. Von 1983 an nannte sie sich „Alphaville“, nach dem Film von Jean-Luc Godard.

Die ersten Songs klangen noch nach der damals gerade abebbenden Neuen Deutschen Welle, waren aber auch schon typisch Alphaville. Das Lied „Leben ohne Ende“ erinnert an den Stummfilmklassiker „Metropolis“. Aber auch schon an „Forever Young“: „….let us live forever“, also „Leben ohne Ende“. Das Lied „Blauer Engel“ lehnt sich an den gleichnamigen Marlene-Dietrich-Klassiker an.

Die Synthies sollen so künstliche klingen, wie sie es tun

Alphaville waren also nicht nur Musiknerds, sie waren auch Filmnerds. Die Texte ihrer deutschen Songs sind Beschreibungen von meist dystopischen Szenerien. Mit dem Wechsel zu englischen Texten veränderte sich das.

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