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Pop-Anthologie (137) : Ein Friedenslied

Ein Segen, auch für die VEB Deutsche Schallplatten (besser bekannt als „Amiga“): Cover zum Album „Der blaue Planet“ Bild: Picture Alliance

Als der Kalte Krieg heiß zu werden drohte, veröffentlichte die DDR-Rockband Karat einen Song, der bis heute wirkt: „Der blaue Planet“. Es ist eine musikalische Mahnung mit vielfältigen Bezügen.

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          Die Geschichte des Songs „Der blaue Planet“ von der erfolgreichsten DDR-Rockband Karat beginnt mit Zensur. Direkt in der zweiten Zeile dieser kurzen, aber schlagkräftigen Single, die sich mit der Gefahr eines Atomkrieges auseinandersetzt, veränderte die DDR-Kulturführung ein Wort.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Aus den „Dämonen“ machte das Lektorat „Neutronen“. Die Kulturfunktionäre wollten es „plastischer und der Zeit angepasster haben“, heißt es in den Briefen, die der Band zugestellt wurden. So verwandelte sich die globale Kritik an der Aufrüstung und der Gefahr eines Atomschlags in eine Kritik am Westen, denn die Amerikaner entwickelten Anfang der achtziger Jahre die Neutronenbombe.

          Veröffentlicht wurden die Synth-Pop-Single und das gleichnamige Album am 20. März 1982, mit der legendären Inventarnummer 1019194. Die Situation ist brenzlig, die Welt „tanzt im Fieber“, nicht nur in dem fünfminütigen Song, denn im Herbst 1982 scheitern die Genfer Abrüstungsverhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion über den Abbau von Mittelstreckenraketen.

          Auftritt zum Weltfriedenstag

          Der Streit um das Rüstungsgleichgewicht sorgte für Zwietracht. Mit Ronald Reagan und Leonid Breschnew rasten die zwei Weltsysteme auf einen Höhepunkt des in dieser Zeit sehr heißen Kalten Krieges zu. Zum Weltfriedenstag am 21. September gab die Band deswegen mit dem Song einen ersten großen Auftritt in Ost-Berlin.

          Doch das Rad der Geschichte dreht sich weiter: Reagan erhöhte die zuvor reduzierten Rüstungsausgaben auf ein neues Rekordniveau. Damit wurde die Stationierung einer neuen Raketengeneration auch auf westdeutschem Boden absehbar. Die Friedensbewegung protestierte, in Umfragen sprachen sich zwei Drittel westdeutschen Bevölkerung gegen die Aufstellung aus. Parallel fanden in der DDR von staatlicher Seite nicht geduldete Demonstrationen gegen die Aufrüstung des Warschauer Paktes statt.

          Auch Karat wollten mit dem gleichnamigen Album ein Zeichen setzen. In beiden deutschen Staaten war die atomare Bedrohung in der Bevölkerung allgegenwärtig. „Uns hilft kein Gott unsre Welt zu erhalten“, war eine mahnende Zeile in Zeiten absoluter Katastrophenstimmung.

          Besonders die Synthesizer-Effekte, mit denen das Lied einsteigt, die immer wieder in den Zwischenstrophen in langen Sequenzen auftauchen und die ein wenig an die Töne eines Geigerzählers erinnern, reflektieren die beängstigende Entwicklung in der internationalen Diplomatie.

          Zwei verschiedene Albumcover

          Doch das Album ist ein Novum: es erscheint in beiden deutschen Staaten. Das Cover zeigt die Erde aus dem Weltall. Inmitten der Kontinente und Ozeane geht ein Riss durch die Erdplatten, aus dem orange Lava quillt. Diese Gestaltung war allerdings nur für die Schallplatten in der DDR vorgesehen. Ein anderes Cover, das für die Bundesrepublik, zeigte die Welt als Spitze eines Streichholzes, das kurz vor dem Entzünden steht. Die Radikalität der Cover deutet auch die Schlagkraft des Albums an.

          Aufgenommen wurden die neun Songs in den traditionsreichen Amiga-Studios in der Ost-Berliner Brunnenstraße, 150 Meter entfernt vom Grenzübergang Bernauer Straße und der Mauer, die die Stadt teilte. Auch sie war Anfang der Achtziger das zementierte Zeichen des Kalten Krieges und der scheinbar unüberwindbaren Differenzen zwischen den Staaten der NATO und des Warschauer Paktes. Doch bei Karat setzte das Kreativität frei.

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