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Pop-Anthologie (117) : Die Madonna, umsonst

  • -Aktualisiert am

Bob Dylan und Joan Baez 1965: ein lebendiger Mythos? Für kurze Zeit ja. Bild: dpa

Bob Dylan hat viele Lieder geschrieben. Zum Achtzigsten, den er bald feiert, interpretieren wir eines, das für ihn geschrieben wurde: von Joan Baez. „Diamonds and Rust“, eine große Liebesballade, ist Würdigung und harte Abrechnung zugleich.

          5 Min.

          Ein paar Lichtjahre her: So weit weg wirkt alte Liebe. Und dann kommt ein Anruf, der einen wie der Blitz trifft. Die Person am anderen Ende, ist sie wirklich da - oder ist das ein Geist? In dieser Situation fand sich Joan Baez Mitte der siebziger Jahre. Der Anruf kam von Bob Dylan, mit dem sie gut zehn Jahre zuvor das Traumpaar des Folk gebildet hatte - nur kurz. Denn bald darauf wollte er nichts mehr von ihr wissen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Tiefpunkt: Während Dylans umnebelter Englandtournee 1965, die in D.A. Pennebakers Film „Don't Look Back“ festgehalten ist, wollte er nicht einmal mehr mit ihr auftreten, es soll ihr sogar der Zutritt zu seinem Hotelzimmer verweigert worden sein. Dabei hatte in einem Hotel alles angefangen zwischen den beiden:

          Now I see you standing
          With brown leaves falling all around
          And snow in your hair
          Now you're smiling out the window
          Of that crummy hotel
          Over Washington Square

          Aus dem Erinnerungsnebel tritt diese Szene wohl fast zu schön hervor - eben weil die Sängerin inzwischen schon um das böse Ende weiß. In ihrem Memoir „And a Voice to Sing With“ ergänzt Joan Baez die Liedstelle prosaischer: „Das schäbige Hotel am Washington Square kostete 12 Dollar die Nacht. Es hatte keinen Zimmerservice, und Junkies verkehrten dort regelmäßig (…). Es zog mich runter, während Bob sich ganz zu Hause fühlte.“

          Aber auch die ausführlichere Erinnerung im Buch hat verklärende Züge, so dass sie sich gut in das heute oft etwas geschönte Bild des New Yorker Folk Revivals zu Beginn der sechziger Jahre einfügt. Es zeigt ein Künstlerpaar, das sich gegenseitig ermutigt und erfindet, sogar ausstattet.

          Ein fragiles Sonntagskind?

          „Ich kaufte ihm eine große schwarze Anzugjacke, die beinahe passte“, schreibt Baez, „und als Krönung: ein Paar Manschettenknöpfe, die aus undurchsichtigen lila Klunkern gemacht waren.“ Diese sind die süßen Madeleines der Erinnerung, die hell wieder aufscheinen, als Jahre später der besagte Telefonanruf aus dem Nichts kommt:

          Ten years ago
          I bought you some cufflinks
          You brought me something
          We both know what memories can bring
          They bring diamonds and rust

          Auch Bob Dylan hat ihr also etwas zurückgegeben. Nie habe sie sich ihm näher gefühlt als damals in New York, schreibt Baez. Sie, die ja vor ihm berühmt war und ihn erst mit bekannt machte, indem sie ihn mit ihr auftreten ließ, fühlte sich wie eine Mutter, zugleich wie eine mystische Schwester, sah ihn als „fragiles Sonntagskind“ in der von ihr gekauften Ausstattung – zusammen seien sie ein „lebendiger Mythos“ gewesen. Alles schien perfekt. Und das kommt im Lied auch noch einmal heraus: „Speaking strictly for me we both could have died then and there.“

          Aber das eben nur damals – denn im Lied hat der Mythos schon Rost angesetzt, wie man hört. Eben deswegen ist das Lied so gut, es ist die Darstellung einer großen Liebe und zugleich ihr Abgesang. Der hohe Ton, den man von Baez kennt, wird hier gebrochen, gleich beim Einstieg schon mit einem für sie ungewöhnlichen Fluch („I’ll be damned“), so wie der Einfluss von Bob Dylans krauser, rücksichtsloser Bildsprache in seinen manisch nachts in die Schreibmaschine gehackten Songtexten auch die Vorstellung von einer edlen, ernsten Folkmusik gebrochen hat, die Baez bis dahin gesungen hatte.

          Das ungewaschene Phänomen

          Eben der Gegensatz zwischen der Wohlerzogenen, fast heilig wirkenden Joan und dem jungen Wilden Bob (sie nannte ihn trotzdem Bobby) machte den Reiz des Paares aus. Aber während sie damals seine genialische, aufmüpfige Art und Inszenierung bewunderte, hat in ihrem Erinnerungslied auch diese Bewunderung einen Knick bekommen. Die Zuschreibungen für den jungen Dylan, der mit seiner Chuzpe zur Selbsterfindung in die New Yorker Szene einschlug, kaum angekommen und doch „already a legend“, schillern zwischen freundlicher und beißender Ironie: „the unwashed phenomenon“, „the original vagabond“. Dieser Ungewaschene schlurchte der Sängerin direkt in die Arme und fand dort Halt: „You strayed into my arms / and there you stayed“.

          Die dann folgende Textstelle ist von Stolz und Bitterkeit geprägt:

          Temporarily lost at sea
          The Madonna was yours for free
          Yes, the girl on the half-shell
          Could keep you unharmed

          Dylan ist hier der Verlorene auf hoher See, Baez einerseits mütterliche Madonna (die er umsonst hätte haben und damit zum Heiland werden können) – und zugleich doch die sexuell wie intellektuell inspirierende Venus (das „Mädchen auf der Muschelhälfte“ spielt auf Darstellungen wie jene von Botticelli an): ein durchaus selbstbewusstes Bild, das die Sängerin hier wählt, aber eben das meint wohl der „lebendige Mythos“, von dem sie spricht.

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