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Pop-Anthologie (111) : Blaulicht und Zwielicht

  • -Aktualisiert am

Was sie aus ihrer englischen Geburtsstadt Walsall bis heute beschäftigt, sind die vor allem die Lichter der Polizeiautos: Jorja Smith Bild: Picture-Alliance

„Solange du nichts falsch gemacht hast, sollten die blauen Lichter an dir vorbeifahren“: Jorja Smith beschäftigt sich in ihrem Song „Blue Lights“ vorsichtig, in vielen Anspielungen und Widersprüchen, mit dem Thema rassistischer Polizeigewalt.

          6 Min.

          I wanna turn those blue lights

          Into strobe lights

          Not blue flashing lights

          Maybe fairy lights

          Those blue lights

          Into strobe lights

          Maybe even fairy lights

          Not blue flashing lights

          Manche Menschen verbinden ihre Jugend mit durchfeierten Nächten im Club (wo die „strobe lights“ auf der Tanzfläche blitzen) oder mit langen Tagen im heimischen Kinderzimmer (wo bei Mädchen oft eine Lichterkette aus „fairy lights“ hängt). Doch bei der britischen Sängerin Jorja Smith war es ein anderer Erinnerungsblitz, der ihre Debüt-Single „Blue Lights“ von 2016 inspirierte. Was sie aus ihrer englischen Geburtsstadt Walsall bis heute beschäftige, seien vor allem die „blauen Lichter“ der Polizeiautos.

          Die Polizeibeamten selbst, also die sogenannten „Blue Lives“ (in Amerika gibt es eine Gegenbewegung zu „Black Lives Matter“ namens „Blue Lives Matter“), kommen im Song kein einziges Mal vor, auch zur Konfrontation kommt es nie – muss es aber gar nicht. Die bei Veröffentlichung erst 18 Jahre alte Smith präsentierte sich mit ihrer ersten Single als lyrische, feinsinnige Texterin. So gibt sich das Lied zwar schon aufs erste Hören als eine Kritik an rassistischer Polizeigewalt zu erkennen, macht sich aber mit vielen Anspielungen, Nuancen und Widersprüchen um das Thema verdient.

          Nach dem obigen Intro, das sich die Verwandlung der blauen Lichter in etwas anderes, harmloses wünscht, und das wie ein Zauberschwur unter jeden Refrain gelegt wird, beginnt der Song wie folgt:

          Don't you run when you hear the sirens coming

          When you hear the sirens coming

          You better not run cause the sirens not coming for you

          What have you done?

          „Don’t you run“ ist im Englischen doppeldeutig und Smiths Satzmelodie trägt beide Bedeutungen mit. Entweder handelt es sich dabei um eine Frage: Rennst du denn nicht weg, wenn du die Sirenen kommen hörst? Oder aber es ist ein Imperativ: Renn ja nicht, wenn die Sirenen kommen! Das syntaktisch überflüssige, leicht umgangssprachliche „you“ in „don’t you run“ verleiht dem Befehl eine besonders flehende Dringlichkeit.

          Aber bleibt es bei dieser Einstellung, dass es keinen Grund zum Weglaufen vor der Polizei gebe? Nicht lange. Die letzte Zeile „What have you done?“ ist eigentlich eine rhetorische Frage, mit der sich das Ausmaß eines Fehlers zum Ausdruck bringen lässt und hinter der dann eher ein Ausrufezeichen steht. In „Blue Lights“ ist diese Frage aber wörtlich zu nehmen: Was hast du getan, das die blauen Lichter auf deine Spur führen könnte? In den folgenden Strophen wird eine Antwort darauf gesucht.

          You went to school that day

          Was a bit late but it was a Monday

          Kept after class for answering back

          You apologized, any harm in that?

          Die erste Strophe setzt weit oben an der Abwärtsspirale an, in der Kindheit eines Schwarzen Jungen, doch sie wirft ihre Schatten voraus. Das hier verhandelte Vergehen ist seine Verspätung an einem Schulmorgen, gefolgt vom „answering back“ des Jungen, also einer frechen Antwort – dem denkbar geringsten, womit man in der Schule negativ auffallen kann. Trotz seiner Entschuldigung wird der Junge zum Nachsitzen zitiert („kept after class“).

          What have you done?

          There's no need to run

          If you've done nothing wrong

          Blue lights should just pass you by

          Bereits in diesem ersten Refrain schwindet die Gewissheit, mit der das Lied begonnen hatte: „Solange du nichts falsch gemacht hast, sollten die blauen Lichter an dir vorbeifahren“, lautet nun plötzlich die Bedingung fürs Entkommen.

          Gun crime into your right ear

          Drugs and violence into your left

          Default white headphones flooding the auditory

          Subconscious waves you accept

          Dass die Institutionen der Polizei und Schule in „Blue Lights“ angeklagt werden, war vorhersehbar. Überraschender kommt hingegen diese zweite Strophe, in der Smith den Einfluss von Hiphop-Kultur und Peers thematisiert. Dafür findet sie eine gelungene Metapher in den Kopfhörern des Jungen: Nicht genug damit, dass er Musik über Drogen und Gewalt aufs linke Ohr, Musik über Pistolen aufs rechte Ohr bekommt. Darüber hinaus stehen die „default white headphones“, also das weiße Kopfhörermodell, das alle besitzen, auch für gesellschaftliche Setzungen und Standards. Die „Wellen“, die aus den Kopfhörern heraus „fluten“, werden „unbewusst“ aufgenommen und „akzeptiert“ – hier transportiere eine Kultur also beiläufig und unbemerkt ihre Stereotype.

          You're sitting on the 4 back home

          „Where you at, G? Answer your phone!“

          Pause the poison to answer his message

          Your boy sounds rushed, fears for his adolescence

          Wie drastisch Smiths Urteil über die Gangster-Musik schließlich ausfällt, verrät erst diese Heimweg-Szene in einem Bus der Liniennummer 4 („sitting on the 4 back home“). Hier muss der Junge „das Gift pausieren“, um seine Mailbox oder eine Sprachnachricht abrufen zu können – mit dem Gift ist die Musik gemeint. Zum zweiten Mal schleicht sich nun ein korrumpierender Einfluss über die Kopfhörer ein. Diesmal jedoch ist es ein Kumpel, der in Schwierigkeiten steckt, der auf der Aufnahme „gehetzt“ klingt und um seine Jugend fürchten muss („fears for his adolescence“).

          What have you done?

          There's no need to run

          If you've done nothing wrong

          Blue lights should just pass you by

          Mit diesem neuen Wissen klingt das „If you’ve done nothing wrong“, also der Konditionalsatz des Refrains, beim zweiten Mal gleich viel bedrohlicher. Und der Verdacht soll sich in der dritten Strophe bestätigen:

          Tall black shadow as you're getting off the bus

          Shadow shows no emotion so what's even the fuss

          But the face on your boy casts a darker picture

          Of the red-handed act he's gonna whisper;

          „Look, blud, I'm sorry cus I know you got my back

          He was running, I couldn't think, I had to get out of that“

          Not long ago you were miming to the Shook Ones

          Now this really is part two cus you're the shook one

          Der Freund, der schon an der Bushaltestelle wartet, sieht wie ein „hoher schwarzer Schatten“ aus, hängt gleichzeitig aber als solcher über dem Leben seines Kumpels. Erst gibt es Entwarnung, dann zeichnet sein Gesicht ein dunkleres Bild („casts a darker picture“), wobei „cast“ im Englischen auch das Verb zu „einen Schatten werfen“ ist.

          Der Freund gesteht, was er getan hat, im Song bleibt sein Vergehen recht vage. „Er rannte, ich konnte nicht denken, ich musste da raus“, lautet seine einzige Erklärung und Rechtfertigung. Ein Blutvergießen ist wahrscheinlich: „Red-handed“ heißt in der übertragenen Bedeutung „auf frischer Tat ertappt“, in der wörtlichen Bedeutung aber „mit roten Händen“. Entsprechend ist auch der britische Slang „Blud“ gemeint, der Spitzname für einen „Blutsbruder“, zu dem der Junge nun unfreiwillig wird.

          Details, besonders die des Verbrechens, lässt Jorja Smith traumähnlich verschwimmen. Als Rapperin verfügt sie über eine beachtliche Munition aus Wortspielen, Chiffren und anderen Stilmitteln, zum Beispiel bezieht sie die zwei Songtitel „Shook Ones“ und „Shook Ones (Part Two)“ auf den Jungen. Diese metrisch wie sprachlich geschliffenen Lyrics sind eng getaktet, sie kommen wie aus der Pistole geschossen und einzelne Satzteile funktionieren sogar als ein Apokoinu. Aber es geht sofort weiter:

          Hands you the tool as you question your friendship

          How's man like you gonna make me a convict?

          Level of a felon when I've done nothing wrong

          Blood on my hands but I don't know where it's from

          Oh you got blood on your hands but you don't know where it's from

          Das Blut wird real, als der Freund ihm die Tatwaffe überreicht („hands you the tool“), doch der Junge stellt ihre Beziehung erst infrage, als es bereits zu spät ist. „Blut an meinen Händen, aber ich weiß nicht, woher es kommt“, beklagt er, nachdem er von ihm mit in die Sache hineineingezogen wurde.

          Frei nach Lady Macbeth beginnt hier ein vergebliches Schrubben der Hände. Jorja Smiths Stimme begleitet uns in den Wahnsinn, doch die Schuld geht einfach nicht ab. Schließlich ändert sie ihre Meinung, verkehrt ihren Appell von davor ins Gegenteil. Bloß nicht rennen? Doch, unbedingt rennen jetzt!

          You better run when you hear the sirens coming

          When you hear the sirens coming

          Better run when you hear the sirens coming

          Cus they will be coming for you

          Run when you hear the sirens coming

          Better run when you hear the sirens coming

          When you hear the sirens coming

          The blue lights are coming for you

          Diese 180-Grad-Wende, untermalt von einem kurzen Sirenenheulen, beruht aber nicht allein auf dem Verbrechen, von dem wir nach und nach erfahren haben. Das wäre zu einfach, wie auch eine Interpretation als reine Polizeikritik fehlginge. Smiths Vertrauen in den Staat bröckelt ja im gleichen Maß, wie die Last auf dem Gewissen des unschuldigen, aber mitwissenden Jungen wächst. Schuldvermutung und Schuld treffen sich hier auf halber Strecke, oder bei einem Viertel.

          So vollzieht das Lied die gruselige Aufholbewegung der „blauen Lichter“ im Titel: Waren diese Lichter anfangs noch weit hinter dem Jungen (und war es vielleicht paranoid, sich sofort angesprochen zu fühlen, weshalb der Song diese Sorge zunächst beschwichtigt), so halten sie gegen Ende des Lieds direkt neben uns zu einer Polizeikontrolle an, die für den Jungen eine Lebensgefahr darstellt.

          Die konkrete Rassismuserfahrung in Walsall, England, die Smith unter Rückgriff auf die Biographien ihrer Freunde schildert, verwebt sie also kunstvoll mit einem universellen Schuldgefühl, das vielleicht in geringerer Form alle Menschen heimsucht (wer es nicht kennt, werfe den ersten Stein), aber das bei Schwarzen durch rassistische Vorurteile verstärkt wird. Die Intensität dieser Panik hält noch weit ins Outro an, hält den Hörer auf Zehenspitzen und auf Trab:

          Blud, when you hear the sirens coming

          Don't you run when you hear the sirens coming

          Blud, when you hear the sirens coming

          Don't you run when you hear the sirens coming

          What have you d-d-d-d-done?

          Don't you run

          Don't you run

          Don't you run when you hear the sirens coming

          Einerseits mischt Smith hier das Sample aus Dizzee Rascals „Sirens“ (2007) unter, das sie zu „Blue Lights“ inspiriert hatte (die Zeile „don’t you run when you hear the sirens coming“ ist von ihm abgekupfert). Wie im Hiphop üblich, wird Rascals Stimme mit einem Scratching-Effekt, also dem Plattenkratzen eines DJs, von ihrer eigenen Stimme abgegrenzt. Andererseits kehren beide, Rascal wie Smith, zum ursprünglichen Befehl „don’t you run“ zurück, dem verneinten Imperativ. Woran soll man sich jetzt halten? Wem kann man überhaupt noch glauben?

          Es gibt, einmal abgesehen vom Beatles-Hit „Twist and Shout“, wohl wenige Lieder, die so viele Instruktionen an ihre Zuhörer richten wie „Blue Lights“. Dass es hier obendrein aber widersprüchliche Signale sind, die durch die Kopfhörer schallern – dass die Ampel im Lied von Stop auf Go und zurück springt, die Lichter also blitzen und in die Irre führen – dieser Umstand wird zum rastlosen Gefühl eines Lebens, in dem Überlebenstipps, selbst die von Jorja Smith, nur noch unter Vorbehalt gelten.

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