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Pop-Anthologie (138) : Das war ein Angriff auf meine Seele

Die Rolling Stones 1967: Mick Jagger, Keith Richards und Bill Wyman in Paris Bild: picture alliance/AP Photo

Als Jugendliche erlebte Annette Humpe die Musik der Beatles als körperliches Ausnahmegefühl. „Sympathy For The Devil“ und Velvet Underground krempelten ihr Leben um. Ein Gesprächsprotokoll.

          5 Min.

          „Sympathy For The Devil“ kam im Sommer 1968 heraus. Ich war der größte Beatles-Fan, den man sich vorstellen kann. Jedes Stück habe ich nachgespielt, das waren die Tollsten für mich. Die Hitparaden habe ich immer rauf und runter gehört. Meine Schwester und ich haben vor der Grundig-Box gesessen und in jeder freien Minute nach Charts-Musik gesucht: Radio Saarbrücken, BFBS, AFN. Ich war auf dem Laufenden und kannte natürlich auch die Stones. Ich kam aus der tiefsten Provinz und habe von einem Boyfriend geträumt. Er sollte lange Haare haben und ich wollte, dass er meine Hand hält. Das habe ich in der Musik der Beatles wiedergefunden: Ein lieber Junge, ein Freund, Handhalten und ein bisschen Schmusen. Mir war sonnenklar, obwohl ich komplett unschuldig war, dass die Stones ein ganz anderes Ding fahren. Die wollten Sex, das war mir zu viel, nicht geheuer. Daher hielt ich Abstand zu den Stones und war den Beatles treu.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Dann kam „Sympathy For The Devil“ heraus und ich muss sagen, dass mich das Stück sofort elektrisiert hat. Damals gab es kein Internet, wo man den Text hätte nachlesen können. Ich habe also mühsam vor dem Radio gesessen und versucht, alles zu verstehen und mitzuschreiben. Ich habe überlegt: Was wollen sie mir sagen? Und schon beim Titel – meine Konfirmation war ja noch nicht so lange her – war ich mir emotional nicht sicher: Darf man das, „Sympathy For The Devil“ haben, ist das okay? Heißt das nicht: Ich sympathisiere mit dem Bösen? Ich fing ja auch gerade an, links zu sein in meinem Herzen, ganz naiv. Bedeutete das nicht, Sympathie für den Kapitalismus, für Krieg zu haben? Es war aber so, dass ich einfach nicht umhin kam zu sagen: Das ist ein richtig gutes Stück, sofort.

          Allein, wie es musikalisch aufgebaut war; es war anders als alle anderen Stones-Stücke. Mick Jagger sprach wie ein höflicher Engländer, ein Gentleman – „let me introduce myself“ –, haute dann aber Sachen raus wie: „Who killed the Kennedys? “ – „it was you and me“; oder: „Every cop is a criminal“. Außerdem war das Lied voller Erotik, das spürte ich. Das Gekreische im Hintergrund, der dunkle Rhythmus, das hat mich total in den Bann gezogen. Gleichzeitig fürchtete ich mich davor, dass das Lied meiner Seele Schaden zufügen könnte. Das höre ich heute noch heraus, wenn ich mir das Lied anhöre – am Anfang die Trommel, in der Mitte das Gitarrensolo von Keith Richards. Es ist die Kombination aus Text und Musik, die den Song so besonders macht. Da ist nicht viel Blues drin, die Trommeln sind eher Voodoo, eher Amazonas als Mississippi, die gehen sehr nach vorne. Der Text ist so gut, weil er ein Rollenspiel in sich hat: „Ich bin der Teufel, ich bin wohlerzogen, und ich könnte auf allen deinen Partys sein. Du würdest vielleicht etwas unruhig werden, aber ich passe da hin, weil: Ihr habt alle etwas von mir.“

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