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Pop Anthologie (147) : Jimi Hendrix: „All Along the Watchtower“

  • -Aktualisiert am

Jimi Hendrix im Februar 1969 in der Royal Albert Hall in London Bild: Redferns/Getty Images

Hendrix covert Dylan – das ist, als hätte sich Wagner eine Mozart-Arie vorgeknöpft. Ein Schock, der die Dylan-Fans nach dem Album „John Wesley Harding“ nur noch mehr durchrüttelte.

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          Bob Dylan, jung und berühmt, hat gerade sein Doppelalbum „Blonde on Blonde“ veröffentlicht, als er im Juli 1966 einen Motorradunfall hat. Von einem Tag auf den andern wird aus dem umschwärmten Idol mit dichtem Terminplan ein stiller, aufs Land geflüchteter Rekonvaleszent, der sich seiner Familie widmet, die Bibel studiert und Gedichte schreibt – poems, keine lyrics, was schon daran zu erkennen ist, dass die Texte keinen Refrain besitzen. Dennoch macht er sie zur Grundlage eines neuen Albums, das er im November 1967 in den Columbia Studios in Nashville aufnimmt. Das Album „John Wesley Harding“ erscheint am 27. Dezember, „All Along the Watchtower“ ist der vierte Titel. Das Echo ist zwiespältig: „Blonde on Blonde“ hatte Dylan auf dem Weg zum Rockstar gezeigt, „John Wesley Harding“ wirkt wie eine Rückkehr zu konservativem Folk: schlichte Melodien, karge Instrumentation, gebremste Vortragsweise. Auch hat der Unfall Dylans Stimme verändert, sie klingt flach und näselnd.

          Währenddessen ist Jimi Hendrix nach ersten Erfolgen weiter unterwegs zu musikalischen Experimenten. Er sucht verwendbares Material für das Großprojekt einer Doppel-LP. Als ihm der befreundete Michael Goldstein, der für Dylans Manager Albert Grossman arbeitet, die neuen Dylan-Tapes noch vor der Veröffentlichung zuspielt, fasziniert ihn der „Watchtower“ sofort. In den Londoner Olympic Studios beginnt die „Jimi Hendrix Experience“ (Hendrix, Noel Redding, Mitch Mitchell) eine eigene Version zu entwickeln. Die Sessions sind chaotisch, Besucher fluten die Räume, nicht wenige wollen gern mitmachen. So trägt der Sage nach Jimis Freund Brian Jones, Gründer der Rolling Stones, allerlei Percussion-Elemente und ein Piano-Solo bei, das später wieder hinausgemixt wird. Am 26. Januar ist erstmal Schluss, aber die „Experience“ setzt die Arbeit im Frühsommer 1968 in New York fort, monatelang, bis im Herbst endlich „Electric Ladyland“ erscheint, der Meilenstein. Es ist Hendrix’ letztes Studio-Album und sein erfolgreichstes.

          „All Along the Watchtower“, die vorletzte Nummer, wird als Single ausgekoppelt und erreicht Platz 5 der United Kingdom-Charts, in den USA immerhin Platz 20 der „Top Forty Hits“. Einen Monat später schickt Dylan sein Original ebenfalls als Single auf die Rennbahn, doch es floppt, was er mit Gleichmut erträgt. Hendrix’ Version hat ihn „überwältigt“, bei seinen Live-Auftritten nach 1974 figuriert „All Along the Watchtower“ in so gut wie jeder Playlist. Heute ist Bob, das Langzeitwunder, immer noch auf Never-Ending-Tour, während Jimi, das Feuer, das sich selbst verbrannte, ewig jung aus dem Voodoo-Dschungel grüßt – beide schätzten sich selbst und ehrten den anderen ohne Neid.

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