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Pop-Anthologie (113) : An den Wassern von Babylon

Boney M., Anfang der Achtziger: Marcia Barrett, Liz Mitchell, Maizie Williams und Bobby Farrell – gesungen haben nur Mitchell und Barrett sowie Frank Farian, der aber nicht im Bild ist. Bild: Picture-Alliance

Ende der Siebziger tanzten alle zu „Rivers of Babylon“ von Boney M. Verstanden hat den Song, im Original ein Rastafari-Bekenntnis, kaum einer. Ein Religionswissenschaftler erklärt den Subtext im Interview.

          7 Min.

          Die Originalversion von „Rivers of Babylon“ stammt von der jamaikanischen Rocksteady-Gruppe The Melodians. Veröffentlicht wurde der Song erstmals im Jahr 1970. Nach Aussage des Leadsängers Brent Dowe hat die Band mit ihrer Reggae-Adaption von Psalm 137 – auch einige Verse von Psalm 19 („So let the words of our mouth ...“) wurden verwendet – das Publikum mit der wachsenden Rastafari-Bewegung vertraut machen wollen. Bei den Rastafariern sei es üblich gewesen, Psalmen zu singen, die entsprechend den eigenen Glaubensinhalten abgewandelt wurden. (Den Songtext mit den übernommenen Psalm-Versen finden Sie im Kasten am Ende dieses Artikels.)

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          International bekannt wurde „Rivers of Babylon“ mit der markant sparsamen Gitarre von Ernest Ranglin durch den Soundtrack des Films „The Harder They Come“ aus dem Jahr 1972. Durch Frank Farians Boney M. wurde der Song dann, seines Rastafari-Bekenntnisses beraubt, 1978 zum Welthit.

          Wir haben den Religionswissenschaftler Andreas Grünschloß zum Subtext der Originalversion von „Rivers of Babylon“ befragt.

          ***

          Worum geht es in „Rivers of Babylon“ von den Melodians?

          Andreas Grünschloß: Da muss ich etwas ausholen, der Song hat einen starken Rastafari-Hintergrund. Die Rastafarier auf Jamaika verstehen sich, wie einige andere schwarze Bewegungen auch, als Nachfahren der Israeliten. Bereits im 18. Jahrhundert gab es Gruppen, die dem Komplex der „Black Hebrews“ oder „Black Israelites“ zuzurechnen sind. Die Wurzeln der Rastafarier-Bewegung liegen in einem schwarzen, protestantisch geprägten Milieu der Mission in Jamaika, die von schwarzen Baptisten durchgeführt wurde. Die Bibel wird dabei deutlich mit den Augen von Schwarzen wahrgenommen. Eine Auseinandersetzung findet besonders mit jenen Bibelstellen statt, die mit einer schwarzen Identität korrespondieren.

          Das ist auch der Hintergrund von „Rivers of Babylon“, das mit Versen aus dem Psalm 137 einsetzt. Die dort thematisierte Deportation nach Babylon entspricht der Weltbefindlichkeit der Rastafarier, deren Selbstverständnis sich ungefähr so skizzieren lässt: ‚Wir sind die schwarzen Israeliten, die von Piraten aus Afrika verschleppt wurden nach Jamaika, unserem Babylon. Wir warten jetzt auf „King Alpha“, der uns in das geliebte Mutterland zurückbringen soll.‘ King Alpha ist niemand anderes als Haile Selassie, der äthiopische Kaiser von den dreißiger bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Im Lied heißt er auch Far-I, eine Kurzform von Ras Tafari Makonnen, also Fürst Tafari – das war der Name Haile Selassies vor seiner Thronbesteigung. An diesen beiden Begriffen, „King Alpha“ und „Far-I“ erkennt man am deutlichsten den Rastafari-Hintergrund von „Rivers of Babylon“.

          Was steckt hinter der Bezeichnung „King Alpha“?

          Das bezieht sich, wie viele andere Beinamen Haile Selassies, auf die Johannes-Offenbarung (22,13): „Ich bin das Alpha und das Omega“, landläufig bekannter in der eingedeutschten Variante „Ich bin das A und O“ – also die umfassende Gottheit, Anfang und Ende. Die Rastafarier nennen Selassie „King Alpha“ und seine Frau „Queen Omega“.

          Was hat es mit der Konstruktion „Far-I“ auf sich?

          Prof. Andreas Grünschloß lehrt Religionswissenschaft in Göttingen und gibt regelmäßig Seminare über „Black Israelites“ und die Rastafari-Bewegung.
          Prof. Andreas Grünschloß lehrt Religionswissenschaft in Göttingen und gibt regelmäßig Seminare über „Black Israelites“ und die Rastafari-Bewegung. : Bild: privat

          Für das Selbstverständnis, die Anthropologie der Rastafarier, ist der spielerische Einsatz des „I“ ein wichtiges Zeichen. Ein Rastafarier sagt zum Beispiel statt „I go“: „I and I go“. Das Ich zerfällt in das empirische und das göttliche Selbst. Dahinter steckt vermutlich ein indischer Input, die Atman-Vorstellung vom göttlichen Selbst in uns, die von den indischen Arbeitern im Nachtbarslum von Kingston übernommen wurde – diesen Bezug kann man gut rekonstruieren, ebenso wie jenen zum Ganja-, also Marihuana-Rauchen, womöglich sogar den Dreadlocks, auch sie sind eventuell indischen Ursprungs.

          Woher kommt das stark sprachspielerische, sprachschöpferische Moment bei den Rastafariern?

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