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Pink im Konzert : Du siehst nicht aus wie Britney, mach was draus

  • -Aktualisiert am

Das böse Mädchen, das nie schwänzt: Pink Bild: Michael Kretzer

Seit Jahren wird Pink als rüpelhafter Gegenentwurf zu den anderen Mainstream-Mädchen verkauft, dabei bietet sie dieselben pappigen Allerwelts-Poprocksongs. Doch ihre Nummernrevue beim Kölner Konzert funktioniert bestens.

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          Die kleine Frau mit den kurzen wasserstoffblonden Haaren hüpft in Schuhen über die Bühne, auf denen die meisten anderen vermutlich noch nicht einmal unfallfrei gehen könnten. Ihr knapper Glitzerfummel gibt den Blick auf eine trainierte Bauchmuskulatur frei, die man diesseits der Salat-Büfetts von Los Angeles selten zu sehen bekommt. Mit angekratzter Stimme trällert sie einen ihrer typischen pappigen Allerwelts-Poprocksongs über Außenseitertum und das große Trotzdem: „Everyday I fight a war against the mirror“ singt sie und verflucht Britney Spears: „She’s so pretty / That just ain’t me.“ Man merkt womöglich schon: Wer Probleme mit widersprüchlichen Popstars hat, der dürfte an diesem Abend in der ausverkauften Kölnarena gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommen.

          Es gibt nicht wenige sensible Menschen, die im vergangenen Jahr Anstoß an Katy Perrys so nervigem wie spekulativem Welthit „I Kissed A Girl“ nahmen. Wenn es aber eine Person gibt, die wirklich Grund gehabt hätte, das Stück zu verfluchen, dann ist es wohl Pink – ausschließlich deshalb, weil Frau Perry da mit einem einzigen Liedlein den Rahm von Pinks gesamter Karriere und ihrem mühevoll aufgebauten, mild angelesbeltem Radau-Image abgeschöpft hatte. Seit etwa neun Jahren wird Pink als rüpelhafter Gegenentwurf zu den anderen Mainstream-Mädchen verkauft – und das, obwohl sie mehr oder weniger die gleiche Musik macht wie all die Kelly Clarksons und Britney Spears und sich teilweise gar die Songschreiber und Produzenten mit ihnen und dem halben Mainstream teilt. Ihr einziger musikhistorisch relevanter Eintrag mit dem infektiösen Zwei-Akkord-Schrubber „Get The Party Started“ liegt nun auch schon sieben Jahre zurück. Danach folgte allenfalls eingängiger, aber klischierter Highschool-Pop mit Ihr-könnt-mich-mal-Lyrik.

          Klug die Nische besetzt

          Man muss das tatsächlich aus den Füßen haben, um bei Pinks Live-Show Spaß zu bekommen: Was die Neunundzwanzigjährige da seit Jahren betreibt, ist weniger ein echtes Abgrenzen als vielmehr das kluge Besetzen einer Nische – auch Millionen von Außenseitern wollen schließlich glatt produzierte Pop-Alben kaufen. Pink mag insofern das böse Mädchen aus der Klasse sein, das raucht, trinkt und flucht. Zum Unterricht kommt sie trotzdem jeden Tag. Und dort hat sie womöglich mehr gelernt als all ihre Kolleginnen zusammen. Für die Live-Umsetzung ihres „Funhouse“-Albums bedient sich Pink der für derlei Riesenshows ja gerne verwendeten Zirkus- und Jahrmarktsoptik: Das Bühnenbild erinnert ans Eingangsportal einer Spaßbude auf der Kirmes; ständig hüpfen als Gaukler kostümierte Tänzer umher. Doch Pink und ihre Bühnenkumpane holen aus dieser Ausgangssituation mit vielen Zerrspiegeln, Aufblasclowns und tänzerischen Irrsinnstaten das Maximum heraus und sprengen den Rahmen sogar einige Male.

          Geflügeltes trägt Pink nicht nur am Leib, sondern auch auf der Schulter, in die Haut tätowiert

          Beim Trennungssong „So What“ springen plötzlich vier Frauen in Unterwäsche auf einem herzförmigen Bett herum und hauen einem männlichen Kollegen die Kissen um die Ohren. Zu einer zur Masturbationsballade umgestalteten Coverversion des Divinyls-Hits „I Touch Myself“ räkelt sich die Sängerin auf einer roten Chaiselongue, aus der sich ihr plötzlich lüsterne Hände entgegenrecken. Etwas avantgardistisch wird es bei „U And Ur Hand“: Da gesellen sich drei Tänzer in seltsamen Lederfetisch-Klamotten, auf denen oben rote Hahnenkämme befestigt sind, zu der Sängerin und gebärden sich wüst. Als sie abgehen, fragt man sich schon: „Wer waren die Leute?“

          Abzugspunkte für den Gitarristen

          Und doch funktioniert diese Nummernrevue bestens, was sich natürlich vor allem dem beträchtlichen Charme Pinks verdankt, der man wegen ihrer Unermüdlichkeit irgendwann jeden Autoscooter-Song und jede billige Provokation verzeiht. Lediglich im Mittelteil geht das Kalkül der Show nicht auf: Für den überlangen akustischen Zwischenblock entsteigt Pink der pornoesken Gewandung und setzt sich barfuß, in Jeans und T-Shirt ans vordere Ende des Laufstegs, um in handelsüblicher Unplugged-Darreichung das Familienzerrüttungsdrama „Family Portrait“ aufzuführen. Hier kommt man nicht umhin, der Sängerin eine Balladenschwäche zu attestieren. Abzugspunkte auch für den Lead-Gitarristen, der sich mehrere Soli zuschulden kommen lässt, die nur dem Zweck dienen, dass sich der Star hinter der Bühne umziehen kann.

          Am Schluss brennt die Entertainmentkerze dann an beiden Enden: Kopfüber hängt die Sängerin in zehn Meter Höhe am Trapez und singt auch noch dabei. Warum tun sich diese Popstars heutzutage all diesen Irrsinn an?, denkt man und ahnt doch, warum solch ein zirzensisches Crossover von Show- und Sportgeschäft heutzutage nötig ist. Wieder auf dem Boden angekommen, lässt Pink noch Queens „Bohemian Rhapsody“ und Gnarls Barkleys „Crazy“ folgen, singt aber kaum noch selbst. Bei „Get That Party Started“ ahnt man auch, warum: Die Stimme ist nur noch eine Ruine. Danach ist Schluss. Im Grunde fehlte nur „I Kissed A Girl“.

          Die nächsten Konzerte

          1.4. Hamburg
          2.4. Hamburg
          4.4. Hannover
          6.4. München
          7.4. München
          8.4. München

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