https://www.faz.net/-gqz-6lk69

Phil Spector wird siebzig : Eingemauert in Klangwällen

  • -Aktualisiert am

Am Tiefpunkt: Der wegen Mordes verurteilte Phil Spector (links) mit seinem Anwalt Robert Shapiro im Februar 2003 Bild: dapd

Sein Gespür für Klangfarben hat Phil Spector legendär gemacht, auch wenn er gern mit der Pistole fuchtelte. Leben und Werk dieses Produzenten scheinen einem Hollywood-Film zu entstammen. An diesem Sonntag wird der siebzig.

          2 Min.

          Am Morgen des 3. Februar 2003, der zufällig Buddy Hollys Todestag war, hörte ein Nachbar des gespenstisch leeren Schlosses, das sich ein Musikproduzent in Alhambra, einem Vorort von Los Angeles, gebaut hatte, einen Schuss und alarmierte die Polizei. Die fand die Schauspielerin Lana Clarkson tot auf. Der Schlossbesitzer sagte später vor Gericht: „Ich habe sie nicht absichtlich erschossen.“ Wie es der höhere Zufall will, hat Phil Spector jetzt ein anderes amerikanisches Monstrum als Zellennachbar, denn im Staatsgefängnis von Corcoran, Kalifornien, sitzt auch Charles Manson ein.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          An jenem 3. Februar war, wie Don McLean sang, nicht nur einst die Musik gestorben; es ging auch, ein halbes Menschenleben später, eine der gewaltigsten, merkwürdigsten Karrieren vollends in die Brüche, die die Popmusik je gesehen hat. Man kannte Elvis Presley als gelangweilt-aufgedunsenen Waffennarren und Michael Jackson als verschrecktes, gehetztes Reh; das waren oder wurden bizarre, aber im Grunde weiche Menschen. Das Schauspiel, das Phil Spector der Welt bis zu seiner Verurteilung bot, war von anderem Kaliber. In ihm kam praktisch alles zusammen, was die amerikanische Kultur an Angst und Größenwahn, Paranoia und Gewalt hervorgebracht hat.

          Aus reinstem Minderwertigkeitsgefühl heraus?

          Phil Spector war ein gefährlicher Mensch. Im Studio schoss er mit der Pistole oder hielt sie seinen Musikern zumindest an die Schläfe; seine Ehefrau Ronnie behandelte er wie eine Leibeigene, zwang sie bei aushäusigen Übernachtungen, den Telefonhörer aufs Kopfkissen zu legen, damit er sie kontrollieren könne, und stellte, für alle Fälle, im Keller schon mal einen Glassarg bereit. Ronnie Spector hat später die Vermutung geäußert, dies alles habe der nur anderthalb Meter große Mann aus reinstem Minderwertigkeitsgefühl heraus getan. Das mag sein; Manson, der musikalisch ein Pfuscher war, ist genauso klein, und bei ihm ist man ebenfalls geneigt, der Deutung vom Giftzwerg und Möchtegern-Napoleon Glauben zu schenken. Aber selbst wenn sie zuträfe - der Kunstwille Phil Spectors wäre damit nicht erfasst.

          Seinem durch Selbstmord geendeten Vater schrieb man auf den Grabstein: „To know him was to love him.“ Spector veränderte das Tempus und machte daraus einen Hit für seine erste Gruppe Teddy Bears - vermutlich, weil er wusste, dass man das Banale, Kitschige entweder ganz vermeiden oder aber zu gleichsam übermenschlicher Größe emportreiben muss. So klang dann auch in der Folge jede Aufnahme, bei der er, als Produzent oder Arrangeur, seit 1960 seine Finger im Spiel hatte: „Spanish Harlem“ vom solo gewordenen Ben E. King, „He's a Rebel“ und „Then He Kissed Me“ von den Crystals, „Be My Baby“ natürlich von den Ronettes, dazu unzählige andere Produktionen mit allem, was damals im Schlagerpop und Rhythm&Blues Rang und Namen hatte.

          Er presste alternden Stars geniale, überreife Platten ab

          So schuf der Mann aus der Bronx mit dem absoluten Gehör, als wollte er allen Schmerz und alle Angst mit einer Mauer umgeben, seine berühmte Wall of Sound - eine bis heute nachwirkende und nie mehr übertroffene Produktionsweise, bei der die Instrumente jeweils im halben Dutzend zum Einsatz kamen und alle Töne übereinandergetürmt wurden, bis man es fast nicht mehr aushalten konnte. Spector nannte jede seiner Arbeiten eine „Symphonie für die Kids“; in erster Linie aber war es wohl die Klang gewordene Neurose eines Menschen, der nur ablenken wollte von dem Schrecken, den er für seine Mitmenschen darstellte.

          Das Ganze kippte Mitte der Sechziger mit „You've Lost that Lovin' Feeling“ von den Righteous Brothers und dann endgültig mit „River Deep, Mountain High“, dem Übersong von Ike und Tina Turner, der kommerziell ein Desaster wurde. Spector hatte danach noch Gelegenheit, „Let It Be“ von den Beatles zu verhunzen, und wurde in der Folge immer wunderlicher, stahl John Lennon Tonbänder, presste alternden Stars wie Dion DiMucci oder Leonard Cohen noch geniale, überreife Platten ab, von denen die Klangsoße nur so heruntertropfte, und schoss immer mal wieder um sich. So verspielte er seine Reputation. Irgendwann fiel dann in seinem Schloss ein Schuss - eine Szene wie aus einem Hollywood-Noir-Film der Vierziger. Der Knall wird Phil Spector womöglich im Ohr klingen, wenn er an diesem zweiten Weihnachtstag siebzig Jahre alt wird.

          Weitere Themen

          Böser, als die Polizei erlaubt

          Morde in Hanau : Böser, als die Polizei erlaubt

          Statt zwischen Rechtsextremismus und Rechtsterror zu unterscheiden, sollte man beides bekämpfen. Der Staat und seine Organe müssen jetzt aufrüsten – technisch, aber auch mental.

          Topmeldungen

          Nach dem Terrorakt in Hanau : Zeichen gegen das Gift

          Hanau steht unter Schock: Der Bundespräsident spricht von einer tiefen Wunde. Vertreter der Migranten-Community fordern von Innenminister Seehofer mehr Sicherheit. Und Hessens Ministerpräsident sagt, er könne die Angst verstehen.
          Beweissicherung am Tatort: Deutschland hat ein Problem mit Rechtsterror, das ist nicht mehr zu übersehen. Was jetzt?

          Morde in Hanau : Böser, als die Polizei erlaubt

          Statt zwischen Rechtsextremismus und Rechtsterror zu unterscheiden, sollte man beides bekämpfen. Der Staat und seine Organe müssen jetzt aufrüsten – technisch, aber auch mental.

          Gericht hebt Stopp auf : Tesla darf weiter roden

          Umweltschützer erwirkten im Eilverfahren einen Rodungsstopp auf dem Gelände der geplanten Tesla-Autofabrik. Doch nun hat ein Gericht beschlossen: Die Bäume dürfen gefällt werden. Der Beschluss ist nicht weiter anfechtbar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.