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Phänomen Alice Merton : Sie ist der Boss

Alice Merton vermeidet leise, nachdenkliche Töne: Warum eigentlich? Bild: EPA

Alice Merton macht Songs für den Massengeschmack, auf die sich Radiohörer von Amerika bis Deutschland einigen können. Aber sie macht sie selbst. Über einen Profi in der Musikbranche – und die Sehnsucht dazuzugehören.

          Eigentlich haben uns die beiden Boys, die irgendwie für Alice Merton zuständig sind – obwohl ziemlich schnell ziemlich klar wird, dass eigentlich niemand für Alice Merton zuständig ist außer Alice Merton höchstselbst – zwei Sofas hingestellt, auf denen wir herumlungern und filmen können, aber so schön der Flur der Alten Oper Frankfurt ist (ist ok), so viel schöner ist dann ja doch der Mozartsaal, menschenleer und würdevoll und überhaupt, sie ist nun einmal für die große Bühne gemacht. No Problem für die Boys und no problem für Alice Merton, die gerade vom Essen kommt, die mit ihnen Englisch spricht und sich in eine der leeren Stuhlreihen setzt („Hier?“). Ihr Deutsch ist hervorragend, wenn auch das Englisch besser klingt. “Ich mag beides.”

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Name Alice Merton sagt Ihnen vielleicht nichts. Das ändert sich meistens, wenn jemand ihren bisher größten Hit ansingt, mit energischem Ton und langem „ooo“ und einem kleinen Schnaufen, als habe man vor, mit Nachdruck aufzustampfen: “I got no roooots”. Dann singt man mit oder nickt verstehend. So ein Hit ist natürlich Fluch und Segen zugleich. Fluch, weil Merton auch drei Jahre nach seiner Veröffentlichung, auch jetzt, nachdem sie ihr erstes Album „Mint“ herausgebracht hat, immer und überall wegen des einen Songs gekannt und gehört wird. Segen, weil „No Roots” es ein gutes Jahr nach seinem Erfolg in Europa tatsächlich hinaus in die Welt geschafft hat, dorthin, wo die Deutschen sonst immer nur Nena oder Rammstein, maximal Tokio Hotel sind: Mertons Song wurde ein Hit in Amerika. 187 Millionen Mal wurde „No Roots“ auf Youtube gestreamt, 154 Millionen Mal auf Spotify. Für eine deutsche Künstlerin ist das ein unglaublicher Erfolg. Zum Vergleich: Capital Bras extrem erfolgreiches Cover des Modern Talking-Songs „Cherry Lady” wurde bislang etwa 50 Millionen Mal auf Spotify gestreamt, das Video auf Youtube 38 Millionen Mal geklickt.

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          Und doch kennen viele Menschen Alice Merton nicht als Star. Ihre Songs sind poppig, gefällig, Ohrwürmer, denen man selten ein Gesicht zuordnet. Es geht um Freundschaft und Vertrauen, Wut und Grenzen, jugendliche Dummheiten, Einsamkeit und Lügen, darum, wie schwer es manchmal ist, miteinander zu reden, wenig um Liebe. Manchmal klingt Alice nach Anastasia, manchmal nach Shania Twain, was nicht an Alices Mertons Stimme liegt, die zart und eigenwillig ist. Eher am Pop-Maschinen-Rhythmus, der es nicht wegen seiner Raffinesse, sondern seiner Radiotauglichkeit in ihre Songs schafft. Und weil da, wo man die Raffinesse beim genaueren Hinhören doch entdeckt und aufhorcht, in den Strophen und den Bridges, brave Beats dazwischenpoltern, die das Eigenartige überlagern. Gut zum Mitsingen.

          Später, beim Konzert an diesem Abend, wird sie in einem rot glänzenden Hosenanzug von einer Treppe hinab auf die Bühne des bis zum letzten Platz gefüllten Frankfurter Opernsaals treten und „alone-lone-lone“ singen, „oh oh oh“ und „Cause everything is nothing 'til you realise it's something you want“. Sie wird das Publikum zum Springen auffordern, sich ungezählte Male für sein Kommen bedanken und von den Geschichten hinter ihren Songs reden, ohne sie mit ihren Fans zu teilen. Sie wird leise, nachdenkliche Töne vermeiden. Warum eigentlich?

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