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Peter Plate im Gespräch : Können Liebeslieder ironisch sein?

  • -Aktualisiert am

Einst sang er bei „Rosenstolz“, jetzt singt er allein: Peter Plate Bild: dpa

Bei Rosenstolz feierte Peter Plate den Hedonismus, dann kam ein Burn-out und die Auflösung des Duos. Nun singt er solo - und spricht über neue Ernsthaftigkeit und frühe Musicals in Goslar.

          3 Min.

          Ihre erste, gerade veröffentlichte Soloplatte heißt „Schüchtern ist mein Glück“. Was bedeutet der Titel? Ist das jetzt eine Einübung in Bescheidenheit? Dann müsste es ja korrekt heißen: „Mein Glück, dass ich schüchtern bin“, nach Art von Redensarten wie „geizig geht gar nicht mehr“ oder so.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          (Lacht, wie vor fast jeder Antwort) Nein, also, der Titel bedeutet: Mein Glück ist schüchtern. Es ist so schüchtern, dass es, wie es im Text heißt, „manchmal nur guten Tag“ sagt.

          Und dann?

          Und dann ist das Glück wieder weg. Deswegen sollte man zurückgrüßen.

          Ach so, also quasi wie in Goethes „Faust“: „Verweile doch, du bist so schön“. Wollten Sie das sagen?

          Also das ist mir jetzt zu hoch gegriffen.

          Aber auch in der von Ihnen geltend gemachten Bedeutung klingt es nach Bescheidenheit. Das verwundert ein wenig, denn dafür war die Musik, die Sie mit Anna R. zwanzig Jahre lang als Duo Rosenstolz gemacht haben, nicht gerade bekannt.

          Das mag sein. Aber so programmatisch sollte man die Platte nun auch wieder nicht verstehen.

          Wie ist das Lied überhaupt entstanden?

          Es ging mir an dem Abend, bevor ich den Text geschrieben habe, schlecht. Ein Freund nahm mich mit auf einen Spaziergang, danach war alles wieder gut.

          Sie hatten im Januar 2009 ein Burn-out mit allen Schikanen, also zu einer Zeit, als das Thema noch nicht so in aller Munde war. Die Rosenstolz-Platte, die danach erschien, hieß „Wir sind am Leben“. Das klang auch programmatisch. Ich musste dabei allerdings auch an Pur denken, Deutschlands erfolgreichste, aber auch meistgehasste Gruppe. Die gibt manchmal auch Ratschläge für gelingendes Leben.

          Auf den Vergleich wäre ich jetzt nicht gekommen. Jede Gruppe denkt natürlich: Unser Publikum ist das beste. Aber das ist Quatsch. Unser Publikum ist aber mit uns gewachsen, älter geworden.

          Rosenstolz gibt es aber nicht mehr, jedenfalls bis auf weiteres nicht. Hatten Sie, als Sie die Pause mit Anna R. verabredeten, das Gefühl, Sie wären der Öffentlichkeit oder wenigstens Ihren Fans Rechenschaft schuldig?

          Nein, nur Ehrlichkeit. Wir wollten jedenfalls nicht mit großer Geste unsere Auflösung verkünden.

          Sondern?

          Wir wollten einfach nur sagen: Wir wissen es im Moment nicht.

          Sie haben mit Rosenstolz zu einer Zeit, in den frühen neunziger Jahren, angefangen, als auch der sogenannte deutsche Diskurspop entstand von Bands wie Blumfeld oder Tocotronic. Bei denen wird viel mit Ironie hantiert. Gab es diese ironische Absicherung, die ja auch dazu führt, dass man sich textlich nicht festlegen muss, auch bei Ihnen?

          Na ja, das Lied „Schöner war’s mit Dir“ ist zum Beispiel eher ironisch gemeint, aber wenn das jemand als Liebeslied hört, habe ich auch nichts dagegen.

          Sie könnten es auch gar nicht verhindern.

          Nein. Das Lied handelt von meinem ehemaligen Partner Ulf Sommer und mir, es ist eine Abrechnung mit unserer Zeit von dreißig bis vierzig. Wir haben vielleicht ein bisschen zu viel gefeiert.

          Wenn man sich Ihre Soloplatte so anhört, sind da, im Gegensatz zu den Rosenstolz-Sachen, mehr verhaltene Lieder drauf, der Singer-Songwriter-Aspekt ist stärker, manches klingt tatsächlich nach Innehalten - ist das die Folge oder sagen wir: der Katzenjammer nach der doch eher hedonistischen Rosenstolz-Musik?

          Das mag schon sein. Wissen Sie, diese ganze Ironie ist doch auch gar nicht so wichtig. Musik ist subjektiv, und da würde ich, obwohl es banal klingt, einfach sagen: Hauptsache, sie gefällt.

          Rosenstolz wurden in Ostdeutschland ja eher so unter dem Aspekt von Gruftie und Wave gehört, in Westdeutschland vor allem im Homosexuellenmilieu. Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Nein, ich finde diese Einteilungen stupide. Zu einem Heterosexuellen sage ich doch auch nicht, na, dann interessierst du dich bestimmt auch für Fußball.

          Es heißt doch immer, Schwule hören eher Abba als etwa die Rolling Stones.

          Aber das muss ja nicht stimmen. Unter den Stones-Fans sind auch viele Schwule.

          Sie sind, wie Sigmar Gabriel, in Goslar aufgewachsen.

          Ja, und ich bin zu früh eingeschult worden und war immer der Kleinste, der mächtig auf die Fresse bekommen hat. An der Bushaltestelle musste ich mich vor Angst immer übergeben. Sigmar Gabriel habe ich einmal bei den Falken gesehen, das war so um 1980 herum, aber das war mir alles zu aggressiv, wie die sich verhalten haben.

          Aber damals ging es politisch noch um etwas: Strauß war Kanzlerkandidat, die Parole hieß „Freiheit statt Sozialismus“.

          Ja, und mein Großvater, der Diplomat war, hat mir damals ein F.A.Z.-Abo geschenkt!

          Ist damals schon die Idee entstanden, vielleicht auch, um dieser Lage zu entkommen, Musik zu machen?

          Ja, absolut. Ich wollte immer eine Band gründen. Aber ich wusste, das klappt nicht, denn ich wollte immer mein Ding machen.

          Gab es deswegen ein Duo, Rosenstolz eben? Denn wenn Sie sagen, „Ich wollte immer mein Ding machen“, dann muss man ja fast an Dieter Bohlen und Modern Talking denken - der Macher und die Stimme, Thomas Anders nämlich, die das alles an den Mann bringt.

          Na ja, diesen Vergleich würde ich jetzt nicht ziehen. Ich habe jedenfalls schon Anfang der Achtziger Lieder geschrieben, sogar ein Musical war dabei, das hieß „Justus“ und wurde in Goslar und Braunschweig aufgeführt.

          Und?

          Die Goslarer Zeitung hat es gelobt, die Braunschweiger verrissen: zu süßlich, zu kitschig. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen - wie bei Rosenstolz.

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