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Peter Gabriel wird 70 : Der Theaterrocker

Peter Gabriel bei einem Auftritt 1978. Bild: Picture-Alliance

Mit Mitte zwanzig war er Stimme und Gesicht der Art-Rock-Szene und hatte sechs Alben veröffentlicht. Und dann kam erst der politische Pop. Eigentlich erstaunlich, dass Peter Gabriel erst 70 wird.

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          Die Intellektualisierung der Rockmusik begann Ende der sechziger Jahre. Nachdem die Pioniere Kinks, Beatles oder The Who die Grundlagen gelegt hatten, eroberten die fünf bis acht Jahre jüngeren Musiker der progressiven Ära die Bühnen. Sie brachten bildungsbürgerliche Schätze von Schostakowitsch und Ravel bis zu literarischen Einflüssen wie mythologischen Stoffen, englischen Märchen und Gedichten von T. S.Eliot mit – und das Erlebnis des Souls der sechziger Jahre. Seine Mitmusiker von Genesis traf Peter Gabriel schon im Teenageralter auf der privaten Charterhouse-Schule, eine Stunde südwestlich von London. Nachdem der Sound der aus zwei Schülerbands fusionierten Band gereift war, wurde Gabriel Anfang der siebziger Jahre Stimme und Gesicht der Art-Rock-Szene.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Niemandem gelang es wie ihm, die Ansprüche dieser Musiker mit dem theatralischen Potential der Rockbühne zu verbinden. In suitenartigen Stücken wechselte er vom Mikrofon zur Querflöte, vom Fuchs- zum Blumenkostüm, um das Finale von „Supper’s Ready“ mit einem überdimensionierten Dreieck auf dem Kopf zu bestreiten. Übernatürliche Impressionen eines lyrischen Ichs wurden mit der Narziss-Sage und mythologischen Schlachten in Verbindung gebracht. Nachdem Gabriel die undurchschaubare, musikalisch phantastische Rock-Oper „The Lamb Lies Down on Broadway“ um den puerto-ricanischen Jugendlichen Rael konzipiert hatte, überschritt das Konzept die Grenzen des Genres. Die Tour war ein finanzielles Desaster, die Mitglieder lebten sich auseinander, die Band zerbrach. Im Alter von 25 Jahren, also wenn andere gerade erst anfangen, blickte Gabriel auf sechs Alben und jahrelanges Touren zurück.

          Peter Gabriel (links) mit Genesis auf Amerikatour: Phil Collins, Tony Banks, Mike Rutherford und Steve Hackett

          Als er zwei Jahre später als Solokünstler durchstartete, setzte er noch stärker auf Introspektion und politisches Bewusstsein. Sein erster Hit „Solsbury Hill“ thematisiert das Freiheitsgefühl seines Neuanfangs. „Here Comes the Flood“ spinnt den Gedanken weiter, was bei einer Fortsetzung des Genesis-Abenteuers geschehen wäre. Obwohl er seinen Stil in Richtung strukturierter Popsongs, afrikanischer Rhythmen und sparsamerer Instrumentierung wandelte, wurde er zum Kultstar eines intellektuellen, politisch bewussten Publikums. Mit dem fast acht Minuten langen Song „Biko“ vom dritten Album machte er auf den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika aufmerksam. In den politisch bewegten achtziger Jahren ermutigte er andere zum Engagement. Die Single „Sledgehammer“, eine Hommage an die Soulhelden seiner Jugend, machte ihn zum Superstar und die Platte „So“ zum Welterfolg.

          Private Tiefen und die Arbeit für das eigene Label Realworld, auf dem afrikanische Künstler Musik veröffentlichen, hielten ihn von einem schnellen Anschlusserfolg ab. „Us“ verarbeitete verstörende Erlebnisse. Doch keinem gelang es wie Gabriel, eine Nabelschau wie in „Digging in the Dirt“ und moderne Multimedia-Effekte für das MTV-Zeitalter so in Einklang zu bringen.

          Danach folgte eine lange Pause. Die wenigen Veröffentlichungen seither haben kaum Neues gebracht, aber mit einem Coveralbum hat er Zeitgenossen wie Neil Young und David Bowie und Nachfolgern wie Radiohead und Arcade Fire Reverenz erwiesen. Es ist keine Überraschung, dass er sich von der kanadischen Band ausgerechnet das psychologisch feinfühlige „My Body Is a Cage“ ausgesucht hat. Angesichts dieser langen Liste von Höchstleistungen erstaunt es, dass Peter Brian Gabriel an diesem Donnerstag erst siebzig Jahre alt wird.

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