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Pete Doherty im Konzert : Der letzte Verlorene des Rock'n'Roll

  • -Aktualisiert am

Kein Heiliger, aber ein Großer: Pete Doherty Bild: dpa

Bei seinem Münchner Konzert hat Pete Doherty die erste Strophe des Deutschlandliedes angestimmt - und sich inzwischen dafür entschuldigt. Über solchen Skandalen vergessen viele, welch großer Musiker Doherty eigentlich ist.

          An seinen Standards gemessen, war es für Pete Doherty ein ruhiges Jahr: Er brachte ein erstes Solo-Album heraus, wollte fortan Peter genannt werden, wurde wegen Heroinkonsums in einer Flugzeugtoilette verhaftet, nach einem weiteren Drogendelikt mit einem Ausgehverbot belegt, entwickelte angeblich ein Interesse an Scientology, wurde wegen gefährlichen Autofahrens belangt und behauptete vor wenigen Tagen, im Januar einen Herzstillstand erlitten zu haben. Doch gerade, als man anzunehmen geneigt war, dass Doherty seine boulevardtauglichen Zeiten langsam hinter sich lassen wolle, kam es am Samstagabend bei einem vom Bayerischen Rundfunk übertragenen Live-Konzert des Musikers zum Eklat, als der angetrunkene Sänger die erste Strophe des Deutschlandliedes anstimmte und dafür ausgebuht wurde. Der vom Sender geäußerten Forderung nach einer Entschuldigung kam er inzwischen nach.

          Nun ist Doherty sowieso kein Nationalsozialist und auch kein Sympathisant, sondern einer der bedeutendsten Musiker der vergangenen zehn Jahre, dessen immenses Talent mit einer hochproblematischen Sucht-Persönlichkeit und sittlichen Unreife korrespondiert, die unentwegt Futter für eine bigotte Klatschpresse abliefert. Man sollte die alkoholbefeuerte, infantile Provokation nicht überbewerten – Doherty ist ein genialischer Songwriter, ein Freigeist, ein trauriges Drogenwrack, eine unfreiwillig komische Type, einer der letzten Rock-’n’-Roll-Verlorenen, ein alberner Anachronismus, ein mahnendes Beispiel.

          Erratisch, aber brillant

          Beim Konzert in der Kölner Essigfabrik zeigt sich der Dreißigjährige als erratischer, aber brillanter Musiker. Im engen schwarzen Anzug und mit obligatorischem Hütchen sieht Doherty, der ohne Band, dafür aber mit seiner Mutter angereist ist, aus wie der Gewinner eines Peter-Doherty-Ähnlichkeitswettbewerbs. Mit umgehängter Gitarre geht er auf der Bühne umher und klimpert sich langsam ein. Gleich als zweiten Song schon spielt er „Can’t Stand Me Now“, diese rührende, selbstmitleidige Studie in zwischenmenschlicher Zerrüttung – und der Saal tobt. Seine immer schon gefährdete Stimme ist fast nur noch ein heiseres Keuchen – aber ein heiseres Keuchen, wie man es so nur einmal findet.

          Bei seinem skandalumwitterten Konzert in München

          Bei „Last of the English Roses“ kommen erstmals zwei Tänzerinnen auf die Bühne. Beim folgenden „Delivery“ werden zwei Dinge langsam klar: erstens, wie viele phantastische Songs Doherty geschrieben hat, und zweitens, wie großartig er sein Material in diesen Solo-Fassungen zu interpretieren versteht. Doherty geht in die Ecken und verborgenen Nischen dieser Lieder und stöbert nach kleinen Melodien, nach Bassläufen, nach Riffs, nach verborgenen Reizen; sein Publikum ergänzt die Versionen mit lautem Gesang zur Hymne. Und noch etwas fällt auf: Er könnte diese akkordreichen, wilden, hemmungslos mäandernden, aber stets Pathos und Massenumarmung suchenden Lieder, in denen Motive von The Clash, den Beatles und den Smiths durcheinanderpoltern, auch rotzbesoffen intonieren – sie blieben immer noch größer als alles andere, was Dohertys Epigonen und der Großteil der britischen Independent-Musiker im vergangenen Jahrzehnt abgeliefert haben. Beim Signatursong „Fuck Forever“ posieren die Tänzerinnen auf den Verstärkern, und das Publikum springt – immer noch bei einem Akustikgitarrenkonzert – auf und ab.

          Am Schluss singt er das Lee-Hazlewood-artige „Hired Gun“: „Sometimes I think I’ll settle down / Try to change my ways / But what’s the use in dreaming“. Es besteht keinerlei Veranlassung, Dohertys Rock-’n’-Roll-Romantik und lächerliche Selbstverschwendung zu feiern; wer wiederum händereibend darauf wartet, dass er von der Bühne fällt, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus. Das schlimmste Vergehen aber ist, den großen Musiker Doherty nicht zu erkennen. Noch bevor das Stück ganz vorbei ist, lässt Doherty polternd die Gitarre fallen und geht ab. Backstage wartet Mutter.

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