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Paul Weller in Frankfurt : Über dem Teppich blitzt und dampft es

  • -Aktualisiert am

Diese Gitarre steht unter Starkstrom: Paul Weller lässt die Bude beben. Bild: Franziska Gilli

Energie ist Kraft mal Instinkt: Paul Weller gibt in Frankfurt ein gewaltiges Konzert. Nach einem Abend voller Wucht und Klangfülle ist klar, warum man Musik hört.

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          In der Beilage zu seinem neuen Album „More Modern Classics“, das nur ein neues Lied enthält, welches den Kauf aber allein schon lohnt, äußert sich Paul Weller zur Entstehungsgeschichte von „From the Floorboards Up“ (2005): Es sei ein Lied über einen Liveauftritt an einem guten Abend; die Kraft, sagt er, scheine direkt dem Bühnenboden zu entströmen, durch die Band hindurchzugehen, auf das Publikum überzugehen und fortan in der Luft zu schweben.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Für einen Rockmusiker ist das eine Trivialität. Was tut er anderes, als Stromleitungen anzuzapfen oder selbst welche zu legen und die daraus gewonnene Energie auch anderen zugänglich zu machen? Wenn der Funke überspringt, nennt man das, ungeachtet einer stilistischen Zuschreibung, funky. Bei Weller ist das aber etwas anderes. Nach seinem Frankfurter Konzert wusste man jedenfalls nicht nur, wie das gemeint war mit der Energie, sondern auch, warum man überhaupt Musik hört: Dieser Mann beschäftigt sich in einem elementaren, im Grunde rein körperlichen Sinne mit Energiefragen und unterzog die volle Batschkapp nun einem Stahlbad, wie man es in dieser Härte und Lautstärke selten erlebt. Und man spürte sofort, dass sein funk vor allem eine soziale Dimension hat – nicht so sehr im Sinne eines dumpfen Gruppenerlebnisses, sondern ganz elementar: in Form von Energiezufuhr.

          Blitze im dichten Rockteppich

          „Wake Up the Nation“ vom gleichnamigen Album (2010) schwört den Saal gleich militant ein und ist dabei frei von der Ödnis, die solche Politparolen normalerweise umgibt. Mit jener Platte, die in ihrem quecksilbrigen, acid-haften Sound wie der vor zwei Jahren herausgekommene Nachfolger „Sonik Kicks“  zu Wellers weniger einwandfreien Einspielungen zählt, hatte der Engländer seinem Unmut über das allgemeine, politische wie kulturelle Mittelmaß etwas pauschal Luft gemacht. Aber wenn man ihn nun hört, muss man einräumen, dass dieser Musiker auch das darf. Das ist keine Frage des Rechthabens – Wellers Evidenz liegt in seiner unglaublichen Kraft. Wie ein nervöses Tier tigert er über die Bühne, reißt sein Instrument immer wieder mit ruckartigen Bewegungen herum und lässt ein Gitarrenmonster nach dem anderen von der Leine: „Come On/Let’s Go“, mit das Mitreißendste, das er überhaupt gemacht hat, „Friday Street“, „Peacock Suit“, „Porcelain Gods“. Paul Weller singt das alles wie mit letzter Anstrengung und doch ohne auch nur einen Moment lang nachzulassen. Aus welcher Fülle er inzwischen schöpft, sieht man auch daran, welche Kracher er auslässt: „The Chaingingman“, „Sunflower“ und „Town Called Malice“, den letzten Evergreen seiner Teenager-Band The Jam.

          Weller und seine vorzügliche Band, aus welcher der Ocean-Colour-Scene-Gitarrist Steve Cradock wieder herausragte, spielten dermaßen heftig, dass selbst unauffälliges Material zwingend erschien, wobei über dem dichten Rockteppich immer wieder giftige Dämpfe und Blitze aufzusteigen schienen – Indiz dafür, dass jemand wie Weller nicht einfach bloß auf Maskulinität setzt, die er allerdings trotzdem in höchstem Maße verkörpert, und dass die Quellen seiner Musik tiefer reichen: angefangen bei den Music-Hall-Klängen, denen wohl jeder ältere Brite noch verbunden ist, über die klassische Mod-Zeit der Sechziger bis hin zu der zartbitteren Brühe, die er mit seiner Achtziger-Combo Style Council als zeitgenössische Form von Soul und Jazz servierte. Anhänger aus letzterer Epoche, in der Weller auch erst Mitte zwanzig war, kamen bei „My Ever Changing Moods“ wenigstens einmal auf ihre Kosten. Mit Mühe war die Clubatmosphäre dieses Lieds aus der Lautstärke herauszuspüren.

          Energie für Jahrzehnte

          „Like mercury gliding“, heißt eine Songzeile aus „Foot of the Mountain“ von der zweiten, großen Soloplatte „Wild Wood“ (1993), bei der Weller sich ansonsten nicht bediente. Wie Quecksilber mutet seine Musik über weite Strecken auch an; bisweilen ist es die reine Psychedelik, und zwar nicht als wichtigtuerische Tüftelei, sondern als Ausdruck des rein Menschlichen, das für jemanden wie ihn buchstäblich nicht zu fassen ist. Vielleicht trifft er deshalb instinktiv den richtigen Ton. Auch bei den wenigen Malen, wo es schmusig wurde, war seine Wirkung unwiderstehlich: „Sea Spray“, das er 2008 zu seinem Fünfzigsten herausbrachte, betörte geradezu mit menschlicher Wärme, für die Weller sonst nicht so leicht zu haben ist. Hastig, als müsse er immer weiter malochen, sagte dieser bestangezogene working class hero zwischendurch mal ein Lied an; zweimal lächelte er, während er sich auf Gitarrenduelle mit Cradock einließ, die wie mit dem Schneidbrenner gespielt klangen.

          Quecksilbrig, fast psychedelisch: Weller trifft instinktiv den richtigen Ton
          Quecksilbrig, fast psychedelisch: Weller trifft instinktiv den richtigen Ton : Bild: Franziska Gilli

          Wellers Traditionsbewusstsein schließt auch die großen Vergessenen mit ein. Besonders wichtig war ihm immer Ronnie Lane, den großen Songschreiber, der bei den Small Faces so unter Steve Marriott litt und dessen Soloplatten sich immerhin noch einer gewissen Kritiker-Wertschätzung erfreuen. Weller widmete ihm „The Keeper“, ein dröhnendes Lied, das mit Lanes Musikantentum eigentlich nicht viel zu tun hat, aber so wunderbare, zärtlich-poetische Strophen wie diese hier enthält: „He’s the one knight on a knackered stallion/His rusty armour so undervalued/Does he know that he’s a reason/He’s asleep now but never gone.“

          Ronnie Lane, dieser einsame Ritter in der rostigen Rüstung auf dem alten Klepper, der wohl sympathischste Rockmusiker, den es ja gab, entschlief, sträflich unterschätzt, 1997. Paul Weller wird einen Nachlassverwalter hoffentlich nicht nötig haben. Seine Energie wird auch in Jahrzehnten nicht erloschen sein. „Where does it go once we have finished?“, fragt er. Überallhin, auch in die Frankfurter Batschkapp. „You can’t see it, but, boy, can you feel it.“

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