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Patti Smith zum Sechzigsten : Der Traum vom Leben

Mit ihren aufsässigen Parolen brachte sie eine ganze Generation auf ihre Seite. Inzwischen ist ihre Unbotmäßigkeit in den Aggregatzustand der Würde übergegangen. Der amerikanischen Rockmusikerin Patti Smith zum Sechzigsten.

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          Wer sich in den siebziger Jahren für die Musik von Patti Smith entschied, weil sie fremd und wild klang, konnte nicht wissen, was aus dieser Frau noch einmal werden, daß sie zur Ikone eines zweiten Fin de siècle werden würde. Es ist der Geist des alten Europas, der von allem Anfang an Patti Smith, die Amerikanerin, umhüllte. Sie schloß sich und ihre Energieströme an die verwehten Heroen an, machte Liebeserklärungen an die lebenssüchtigen Untergeher. Sie balancierte damals mit brutaler Grazie am Rand des Lebens und der Bühne entlang (von der sie schließlich auch herabstürzte) - Arthur Rimbaud auf ihrem Banner, die „Illuminationen“ als Begleiter auf den Wegen ihrer grenzwertigen Erfahrungen, T. S. Eliot als Kopilot ihrer berauschten Ausflüge ins „Wüste Land“.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Verlag Zweitausendeins bringt 1980 ihr Buch „Babel“ heraus, in schwarzem Leinen mit Goldprägung. Darin setzt sie mit einem Zitat aus André Bretons „Nadja“ ein: „die schönheit wird wie ein beben sein, oder sie wird nicht sein.“ Schönheit definiert Patti Smith für sich gegen den Strom herrschender Moden und Ideale, wirksam bis heute. Sie ist das Gegenteil eines Weibchens, aber uferlos vom Narzißmus erfüllt. Sie entwirft sich selbst als den letzten Dandy; doch anders als ein Dandy hat Patti Smith ihre Botschaften an die anderen, moralische Forderungen an die Gesellschaft.

          Der Dandy als Mutter-Ikone

          Ihre eigene Biographie liest sich wie der Gründungsmythos einer Künstlerexistenz par excellence: Sie wurde 1946 in Chicago geboren, der Vater Fabrikarbeiter, die Mutter Lohnarbeiterin; sie waren Zeugen Jehovas, früh soll Patti Smith aus dieser Welt geflohen sein, in die künstlichen Paradiese der Phantasie.

          1976 auf einem Foto Frank Stefankos
          1976 auf einem Foto Frank Stefankos : Bild: Sony BMG

          Erweckungserlebnisse und Urszenen durchziehen ihre Vita wie ein Ariadnefaden - die Gemälde Modiglianis, die Gedichte Bob Dylans und die Begegnung mit Robert Mapplethorpe, dem Künstler und Fotografen, der aus ihr seinen ersten Fetisch, eine neue Frau macht, auf den inzwischen weltberühmten Cover-Fotos ihrer ersten LP „Horses“ von 1975 (die übrigens von John Cale produziert wurde), dann von „Wave“ und noch einmal 1988 von „Dream of Life“. Mit diesem Werk kehrt sie in die Öffentlichkeit zurück, nachdem sie ein Jahrzehnt in Detroit mit ihrem Mann, dem 1994 verstorbenen Musiker Fred Sonic Smith, und ihren beiden Kindern gelebt hatte - der Dandy als Mutter-Ikone. Auch dieses Moratorium gehört zur Legende des american artist Patti Smith, wie sie sich selbst bezeichnet, vorsätzlich ohne Geschlechtszuweisung.

          Unbotmäßigkeit: nie eine Attitüde

          „Outside of society, they're waitin' for me, outside of society, that's where I want to be“ heißt seit ihrem Song „Rock'n'Roll Nigger“ von 1978 die aufsässige Parole, mit der sie eine ganze Generation auf ihre Seite brachte. Ihr einziger, halbwegs kommerzieller Erfolg war zur selben Zeit ihre Version von Bruce Springsteens „Because the Night“. Patti Smith zelebriert da die radikale Unterordnung in Liebe, untauglich als Emanzipationsmodell, exaltiert wie eine Verzückungserfahrung.

          Inzwischen ist ihre Unbotmäßigkeit keineswegs zur Attitüde verkommen, sondern in den Aggregatzustand der Würde übergegangen. Auch die Nachgeborenen wissen noch, daß diese Frau den Punk erfunden hat und daß ihre Sprechgesänge tobten, ehe der Rap in der Welt war. Sie selbst sieht sich nicht bemüßigt, die Äffin konservierter Jugendlichkeit abzugeben. Und wenn sie wieder auf der Bühne ist, gibt es kein Alter, nur Energie. Patti Smith muß sich und der Welt überhaupt nichts mehr beweisen. Allein, wie sie Van Morrisons unheiliges „Gloria“ auf „Horses“ und dann noch einmal auf „Land“, ihrem ersten Vermächtnis zu Lebzeiten 2002, bedient hat, das reicht noch für ein paar Generationen. An diesem Samstag wird sie sechzig Jahre alt.

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