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Patriotismus : Völker, röhrt die Signale

  • -Aktualisiert am
          5 Min.

          Was ist eigentlich aus dem Patriotismus geworden, dem entspannten? Das ist ja noch nicht so lange her, daß man am Tag mindestens dreihundertmal vom neuen entspannten Patriotismus der Deutschen lesen oder hören durfte. Endlich sollte alles doch noch gut werden mit uns und den anderen. Und jetzt?

          Jetzt sind die Tage trotzdem wieder kürzer geworden, und die Mundwinkel haben den Weg zurück nach unten gefunden. In den Straßen und Landtagen Ostdeutschlands grassiert weiterhin ein ganz entspannter Neonazismus, und in Kreuzberg wird, wer einen Bundeswehr-Parka trägt, von Punkermädchen aufgefordert, die schwarzrotgoldenen Aufnäher von den Ärmeln zu rupfen: Die Jacke sei ja schick, die Fahne nicht.

          Lieblingskalauer „schwarz-rot-geil“

          Von wegen schwarz-rot-geil. Die „Bild“-Zeitung hat diesen ihren Lieblingskalauer schon seit Wochen nicht mehr auf dem Titel gehabt, und wenn man überhaupt noch mal irgendwo eine von den Aldi-Deutschlandfahnen dieses Sommers sieht, dann baumelt sie schlapp im Hintergrund vom Sozialwohnungsbalkon, wenn „Brisant“ von jungen Muttis berichtet, die ihre Babys in den Müll geworfen haben.

          Die Fans kommen mit Nietzsche-Ausgaben und Luther-Bibeln zur Autogrammstunde
          Die Fans kommen mit Nietzsche-Ausgaben und Luther-Bibeln zur Autogrammstunde : Bild: Universal

          So sieht das, euphoriebereinigt, aus in Deutschland Ende 2006. Vermutlich ist das die Depression, die zu erwarten war nach der großen patriotischen Handentspannung. Und eigentlich müßte man über all das gar nicht reden, wenn es nicht doch ein paar Dinge zu bestaunen gäbe, die jetzt sozusagen den kulturellen Mehrwert dieses patriotischen Sommers abschöpfen.

          Völkerball mit Rammstein

          Zu bewundern sind und gelobt werden sollen hier im folgenden: die Ausstellung „This Land is My Land“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst sowie im Künstlerhaus Bethanien Berlin, das neue Laibach-Album „Volk“ sowie die unter dem Titel „Völkerball“ veröffentlichten Weihnachtsgaben für die Fans der Gruppe Rammstein. Was diese drei Dinge verbindet, die sauber linksradikal argumentierende Kunstausstellung, den populären Breitwandrock von Rammstein und schließlich das slowenische Krachkunstkollektiv Laibach, von dem sogar ein Denker wie Slavoj Zizek dauernd den Eindruck zu erwecken versucht, er habe mal dazugehört oder zumindest backstage gedurft: Das ist die Tatsache, daß es bei allen noch einmal um so nebulöse, tabuumwölkte und daher spannende Sachen wie das Volk und die Nation gehen darf, während alle, die was auf sich und die Postmoderne halten, nur noch vorsichtig von „Multituden“ sprechen, wenn es um Menschenkollektive geht.

          Die Ausstellung „This Land is My Land“ zum Beispiel bezieht im Moment noch einmal einen deutlichen Zuwachs an Brisanz dadurch, daß sie nur einen Pflastersteinwurf weit vom Kreuzberger Wrangelkiez stattfindet, wo soeben die gleichnamigen „Krawalle“ für Aufregung in den integrationspolitischen Debatten gesorgt haben. Konzipiert wurde sie aber schon für diesen Frühsommer, als jeden Tag ein neues Plädoyer für einen neuen entspannten Patriotismus in die Buchgeschäfte kam, jeder „Dtschlaaand“-Gesang mit einem lobenden Leitartikel bedacht wurde und noch wichtiger als der Torjubel die Frage war, wie „das Ausland“, das ja sonst nichts zu tun hat, eigentlich über den deutschen Torjubel denkt.

          Wirgefühlsduseligkeit

          Wenn irgendwer gedacht hat, daß man wenigstens den sogenannten Verfassungspatriotismus mit ein bißchen Begeisterung ausleben dürfe, dann muß er in diese Ausstellung gehen, um ordentlich eine vor den Bug zu kriegen: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“, nörgelt da Thomas Locher in seiner großen Wandinstallation zum Grundgesetz: Was heißt da bitte „alle“, was heißt „gleich“, und warum überhaupt.

          Und so wie diese Arbeit den Text zerpflückt und, wie Kuratoren gern sagen, „hinterfragt“, hält es die Ausstellung insgesamt mit dem Mythos von Volk und Nation und beharrt im Moment der größten Wirgefühlsduseligkeit ordnungsgemäß spaßbremsenhaft darauf, daß Nationen ohnehin nur „hybride Gebilde“ seien und überhaupt viel mehr von den Außenseitern, namentlich den Migranten geredet werden müsse. Also ist viel von Türken und von Ostdeutschen die Rede und davon, wie diese beiden Minderheiten ihren Platz in diesem Land suchen und sehen.

          „Nation Branding“

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