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Open-Air mit AC/DC : Volle Lotte, Rosi!

  • -Aktualisiert am

Kometeneinschlag: Angus Young und Brian Johnson von AC/DC geben am Hockeheimring alles. Bild: Jens Naumann/HR1

Grillen im Kreisverkehr: Die Band AC/DC gibt am Hockenheimring ein Starkstrom-Konzert mit 100.000 Zuschauern. Die Musiker sind agiler als manche Fans, aber am Ende fliegen die Mähnen doch noch.

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          Beim Kreisverkehr im Gras ist eine leicht angedröhnte Plauzenrocker-Gang mit rot blinkenden Plastik-Teufelshörnchen aus dem Strom der Völkerwanderung ausgeschert, um einen Grill in Gang zu bringen - das ist die niedliche Vorstufe der riesigen Starkstrom-Grillparty, die wenig später und ein paar hundert Meter weiter am Hockenheimring steigt: Auf den Videowänden rast ein rot glühender Komet mit dem Brandzeichen AC/DC auf die Erde zu, um dann mit den ersten Takten von „Rock or Bust“, dem Titelstück des neuen Albums, mitten auf der Bühne in der Mitte der Rennstrecke einzuschlagen und alles in Flammen zu setzen.

          Jan Wiele
          (wiel), Feuilleton

          Die fast unwirklich scheinende Menge von hunderttausend Feierbiestern hat sich hier verabredet mit den Worten „Los komm, wir machen heute abend an der Autobahn mal so richtig einen drauf!“ Und AC/DC, diese nach allerlei Schlägen und schrägen Geschichten immer noch stehende australische Kampftruppe, gibt wirklich alles, um ihnen einzuheizen.

          Im Duckwalk zur Hölle

          Nicht der Tod des Sängers Bon Scott 1980, nicht die Demenzerkrankung des Rhythmusgitarristen Malcolm Young und nicht der laufende Strafprozess gegen Schlagzeuger Phil Rudd wegen einer von ihm ausgesprochenen Morddrohung haben diese Band zum Aufhören zwingen können - und so dauert es nur ein paar Minuten, bis der Leadgitarrist Angus Young bei „Hell Ain’t a Bad Place to Be“ seinen berühmten Duckwalk über die Bühne antritt, während die Großaufnahmen dazu seinen nach Luft schnappenden Mund zeigen und sein Neffe Stevie Young als Ersatz für Bruder Malcolm, der Schlagzeuger Chris Slade und der Bassist Cliff Williams ihm den Klangteppich des Berserker-Rock nach Kräften ausrollen.

          „Like a bolt right out of the blue / The sky’s alight with a guitar bite“: Die AC/DC-Bühne in Flammen.
          „Like a bolt right out of the blue / The sky’s alight with a guitar bite“: Die AC/DC-Bühne in Flammen. : Bild: dpa

          Die Höllenqualen des Rock ’n’ Roll hört man an diesem Abend besonders der Stimme des Sängers Brian Johnson an: Sie klingt mitunter wie ein Steinbohrer, der auf Metall trifft und sich festbeißt („I was shakin’ at the knees“). Aber auch er, der ja nun, auch wenn viele immer noch Bon Scott nachtrauern, unbestreitbar die Band über Jahrzehnte mitgeprägt hat, holt das Letzte aus sich heraus bei „Thunderstruck“, „You Shook Me All Night Long“ oder „Whole Lotta Rosie“.

          Ekstase für Handyfilmer

          Was dagegen erstaunt, ist die Passivität mancher Fans, die sich nicht mal von den bombastischen Effekten dieser Blitz-und-Donner-Show animieren lassen. Hier zerschellt der Rock-Komet an einer Wand stoisch stehender oder auf den Rängen sitzender Handy-Filmer: Auch die vermeintlich gegen den neumodischen Kram resistente Rock-Generation hat diese Seuche längst erwischt. Was bei Konzerten jeder Art nervt, wirkt besonders bei diesem Publikum, für dessen Großteil die Band gefühlte drei Kilometer weit entfernt steht, nur noch absurd: Wer schaut sich wohl so ein Video von abgefilmten Videowänden später glücklich an, während er doch um die hundert Euro für ein sogenanntes Live-Erlebnis bezahlt hat?

          Wie um die Ehre der Rock-Fans zu retten, erklimmen vor uns drei Männer zum Ende der Show einen Toilettenwagen und schütteln signalhaft ihre Mosch-Mähnen zu Angus Youngs minutenlangem Ekstasensolo, bei dem er über die riesige Reihe von Verstärkerboxen turnt und sich auf dem Boden wälzt. Unter Kanonenschüssen verwandelt sich bei „For Those About to Rock (We Salute You)“ die dann doch ziemlich im Ritual erstarrte Show von AC/DC noch einmal in ein flammendes Inferno. Draußen verteilen zwei junge Männer Handzettel mit der Überschrift „Jesus rettet“.

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