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Ölkrise : Wird Vinyl jetzt dünner?

  • -Aktualisiert am

Dünne Platten durch knappes Öl? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Viele Schallplatten aus dem Jahr 1973 sind bemerkenswert dünn. Es war das Jahr der Ölkrise - und aufgrund des knappen Öls sollen auch die Platten dünner geworden sein. Ist da etwas Wahres dran?

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          Wer schon einmal Schallplatten aus dem Jahr 1973 in die Finger bekommen hat, wird festgestellt haben, dass viele davon bemerkenswert dünn sind, manchmal so dünn, dass sie, hält man sie waagerecht, in der Mitte regelrecht einknicken. Wenn man sich darüber mit dem Anbieter durch wissende Blicke verständigt, bekommt man manchmal dies zu hören: „Du weißt, Ölkrise“.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Richtig, denkt man dann, 1973 war ja Ölkrise, der Fall ist also absolut klar: Die Saudis drehten den Hahn zu; Schallplatten sind aus Granulat hergestellt, das eine Mischung ist aus Polyvinylchlorid (PVC, deswegen spricht man von Vinyl) und Polyvinylacetat; zu dieser Mischung braucht man Öl - also wurden die Platten dünner. Oder nicht? Die Gleichung „Ölkrise = dünne Scheiben“ wurde zu einem der populärsten Irrtümer in der Welt des Vinyls.

          Der dünne Morrison

          Ich persönlich wurde stutzig, als ich mir vor einigen Jahren die Van-Morrison-Platte „His Band And The Street Choir“ im amerikanischen Original (auf Warner) gekauft habe, das von 1970, also von vor der Ölkrise ist - es ist, obwohl sie ziemlich teuer war, die dünnste Platte, die ich überhaupt besitze, und wiegt womöglich noch weniger als die einhundert Gramm, die als Untergrenze gelten. (Richtig schwere schaffen bis zu zweihundert, das hört man dann auch.) Dass die Van-Morrison-Platte auch wirklich 1970 gepresst wurde, ist an dem eckigen W7-Logo auf dem Label erkennbar, das Warner bis 1970 führte; danach kam das rundliche WB.

          Dass viele Platten 1973 tatsächlich dünner wurden, lag an den Engpässen, die es bei der PVC-Lieferung gab, nicht aber an der Ölknappheit. Öl ist nicht alles, aber ohne Öl ist alles nichts. Die Firma CBS überlegte damals, nicht das gesamte Sortiment dünner zu machen, sondern nur noch das zu pressen, und zwar in normaler Dicke, was sich auch verkauft. Zwar haben die Plattenfirmen heute andere Sorgen als die paar Stücker Vinyl in ihrem Programm: Aber sollte, wie manche befürchten, der Ölpreis bald die Hundert-Dollar-Hürde reißen, dann wäre dies die Chance, endlich zu einer vernünftigen Repertoirepolitik zu finden. Man sollte dann nicht zur Verdünnisierung übergehen, sondern nur weniger pressen, die dafür richtig. Dabei sollte man aber nicht auf Verkäuflichkeit achten, sondern einfach darauf, was gut ist - wie Van Morrison.

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