https://www.faz.net/-gqz-qbl2

Oasis : Was habt ihr eigentlich gegen innerbetriebliche Mitsprache?

  • -Aktualisiert am

Es kam noch etwas anderes hinzu: Man hatte sich, womöglich irre geworden am simplen Bandkonzept und einem bloß eingebildeten Neuerungsbedürfnis nachkommend, zunächst mit Hip-Hop-Produzenten eingelassen und mit denen ein Studio in Cornwall gemietet, in dem so lange herumprobiert wurde, bis zumindest Noel Gallagher merkte, daß das nichts werden würde. Die Musiker verpflichteten Dave Sardy, einen Experten für Geradliniges, und spielten das zum Teil noch einmal erneuerte Material unter anderem in den Capitol-Studios von Los Angeles ein, wo es auf Anhieb besser funktionierte.

Die elf Songs haben in ihren besten Momenten die dröhnende, primitive Kraft der frühen Jahre. Am typischsten ist da der Eröffnungssong „Turn Up the Sun“ vom Bassisten Andy Bell. Liam Gallagher, der gesanglich insgesamt zuwenig zum Einsatz kommt, singt die ungereimten Zeilen mit der konzentrierten Arroganz herunter, die ihn und die Band berühmt gemacht hat. Mächtig, in bandklassischer Anmutung drehen die Gitarren auf, und man ahnt schon, daß man das live nicht ungeschützt über sich ergehen lassen sollte. Auch das zweite Glanzlicht ist von Bell: „Keep the Dream Alive“, das textlich ebenfalls versatzstückhaft bleibt, aber durch seinen langsam aufgebauten, bis zuletzt lyrisch umspielten Druck überzeugt.

Was macht Noel Gallagher dann?

Rasiermesserscharfe Gitarren sorgen für ein archetypisches Klangerlebnis. „Oasis“ waren immer pure Energie, aber diese beiden Lieder, die mächtig-behäbig ausgreifen und doch nie ganz stumpf werden, rufen das in Erinnerung wie weniges von dem, was nach 1995 von ihnen kam. Das ist aber auch dem neuen Schlagzeuger zu verdanken, Zak Starkey, Ringos Sohn, der jetzt wohl fest dazugehört und mit einem barbarischen Spiel aufwartet. Sehr bündig ist „A Bell Will Ring“ geraten, das Gem Archer beigesteuert hat, wieder mit Starkeys wuchtigen Schlägen und vorzüglicher, körniger Gitarrenarbeit.

Wenn die besten, weil typischsten Noel-Gallagher-Songs jetzt nicht mehr von Noel Gallagher sind, was macht Noel Gallagher dann? „Mucky Fingers“ ist verfehltes „Who“-Imitat, das als Song freilich funktioniert: knapp vier Minuten ein unverschämtes Riff, bei dem Pete Townshend mit seinem Windmühlenschlag kaum mitgekommen wäre. „Lyla“, bereits in Singleform als Mitgrölhymne zu Ehren gekommen, beginnt wie Noel Gallaghers „Going Nowhere“, einer der besten „Oasis“-Songs überhaupt, der 1998 nur auf dem B-Seiten-Ausschußalbum „Masterplan“ Platz fand. „Lyla“ fehlt die melodische Brillanz des alten Songs und wird dann doch eine Stampfnummer, deren Reiz in dem Kontrast zwischen akustischer Powergitarre und Hardrockelementen liegt.

Innerbetriebliche Mitsprache: Eine richtige Entscheidung

Das ist, ähnlich wie Liam Gallaghers energisch pochendes „The Meaning Of Soul“, schon ganz nah am Spiel von „Ocean Colour Scene“ oder auch Paul Weller. „The Importance Of Being Idle“ ist das Lob des Müßiggangs, eine britische Spezialität, die vor fünfunddreißig Jahren schon „Free“ und „McGuinness Flint“ im Repertoire hatten, die hier aber alles andere als entspannt vorgetragen wird. Das als moralische Ertüchtigung gemeinte „Part Of the Queue“ irritiert durch den verschleppten Dreivierteltakt, der verdächtig an „Golden Brown“ von den „Strangler“ erinnert. "Let There Be Love" schließlich geht, wie das schon die letzte Platte tat, nach einem folkhaften Auftakt auf Tuchfühlung zur Psychedelik; das Mellotron, das auch die späten „Free“ öfters verwendeten, macht das Klangbild angenehm uneinheitlich.

Zusammenfassend darf man sagen, daß Noel Gallaghers Zurückhaltung die richtige Entscheidung war. Das ist verwunderlich, weil es in anderen Bands meistens schiefging, wenn der Boß die Zügel schleifen ließ (bei den „Faces“ mit Rod Stewart oder bei „Creedence Clearwater Revival“ mit John Fogerty). Schade ist es deswegen nicht. „Oasis“, die den falschen Ehrgeiz ihrer „Beatles“-Konkurrenz nun offenbar aufgegeben haben und dies auch mußten, sind eine der wenigen, wichtigen Bands, vielleicht sogar die einzige, die von innerbetrieblicher Mitsprache profitiert.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein Bild aus alten Tagen: Christiane Lieberknecht, damals noch Ministerpräsidentin, spricht am 17. Juli 2014 im Thüringer Landtag mit dem Oppositionsführer Bodo Ramelow.

Thüringer Krise : Ramelows unwiderstehliches Angebot

Bodo Ramelow macht der CDU ein Angebot, das sie nicht ausschlagen kann. Es sei denn, sie will den Rest an Glaubwürdigkeit, der ihr geblieben ist, auch noch verlieren.
Norbert Röttgen will CDU-Vorsitzender werden.

AKK-Nachfolge : Röttgen will CDU-Vorsitzender werden

Es ist der vierte Bewerber aus Nordrhein-Westfalen: Nun will auch CDU-Außenexperte Norbert Röttgen Annegret Kramp-Karrenbauer an der Spitze der CDU beerben. Letztere trifft sich heute zum Bewerbergespräch mit Friedrich Merz.

Champions League : Das brisante Tuchel-Thema nervt die Dortmunder

Vor dem Champions-League-Duell des BVB mit Paris dominiert der frühere Trainer Thomas Tuchel die Schlagzeilen – zum Leidwesen der Dortmunder. Manche sind genervt. Einer allerdings hat ein großes Lob für Tuchel parat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.