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Norah Jones’ neues Album : Die Aura des stehenden Moments

  • -Aktualisiert am

Ihre Stimme will manchmal etwas zu viel, aber ihre Musik ist Öl für die Seele. Bild: dpa

Zwischen Popmusik und Jazz: In „Pick Me Up Off the Floor“ wird das Norah-Jones-Dilemma sichtbar. Wie gut, dass ihre Musik uns in ihrer Coolness nie enttäuscht.

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          Dass Norah Jones eine gute Stimme hat, weiß inzwischen jeder, also reden wir doch zunächst einmal über Schlagzeugsound. Im klassischen Jazz, denkt man etwa an Art Blakey oder Max Roach, wird die Snare-Drum oft ihrem Namen gerecht, das heißt, sie schnarrt. Dies liegt am sogenannten Snare-Teppich, der mit seinen Schnarrsaiten unter dem Resonanzfell gespannt wird: je loser, desto schnarrender. Im neueren Jazz ist der Snare-Teppich gern auch mal straff gespannt, die Trommel oben sogar noch zusätzlich mit einem Tuch abgedämpft, was zu einem extrem trockenen Klang ohne Nachhall führt: nicht mehr schnarrend, sondern präzise, messerscharf.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ähnlich ist es mit dem Hi-Hat-Paarbecken: Während es im Swing-Jazz und Bebop noch lange „sizzelte“, bevor es zuschnappte, oder gar ständig offen gespielt wurde, was zum charakteristisch treibenden „ts, ts, ts, ts“-Geräusch führte, setzen viele Schlagzeuger auch diesen Effekt heute viel sparsamer ein. Die Konnotation von „coolem“ Klang hat sich, nicht nur im Jazz, freilich schon oft verändert, sie liegt in den Ohren der Hörer – aber wenn heute etwas cool wirkt, dann ist es wohl jener extrem trockene Snare-Klang, der, zusammen mit geschlossen angeschlagener Hi-Hat und einem funky gespielten Kontrabass, gerade dem Jazztrio ganz neue Möglichkeiten erschließt. Man denke etwa an das Esbjörn Svensson Trio oder das von Michael Wollny.

          Klangliches Understatement

          Was hat nun dies alles mit Norah Jones zu tun? Auf ihrem neuen Album „Pick Me Up Off the Floor“ bildet sie als Pianistin zusammen mit dem Bassisten John Patitucci und dem Schlagzeuger Brian Blade stellenweise ein Jazztrio, das in genau dieser Manier spielt: mit klanglichem Understatement, aber dennoch mit Schärfe. Der überaus trockene Snare-Klang bei „Flame Twin“ prägt das Zurückgelehnte dieses Stücks, das dann von Norah Jones’ schwelgerisch verzögertem Gesang noch verstärkt wird; und dieselbe Reduziertheit des Schlagzeug-Sounds gibt, bei erratisch wirkenden Breakbeat-Ansätzen, dem Lied „It Hurts to Be Alone“ eine nervöse Gereiztheit, die zum Thema passt. „Can you make me disappear / At least for once or twice a year“, singt sie hier fragend, zagend. Und auch die Ballade „Heartbroken, Day After“, deren Titel eigentlich alles sagt, steht nur auf dünnstem Schlagzeuggerüst, während das Klavier bluesig rollt und die Stimme der Sängerin stellenweise den Schmerz sowie die Intonation Billie Holidays anzusteuern scheint. So entsteht eine eigentümliche Mischung aus Jazztraditionsbewusstsein und gegenwärtigen Musikstilen, mit der Norah Jones schon öfter gespielt hat.

          Da sie hier eine Sammlung aus ganz verschiedenen Kollaborationen präsentiert, gibt es auch noch ganz andere Musik darauf. Bei „I’m Alive“ etwa hat Jeff Tweedy, Sänger der Rockband Wilco, mitgeschrieben, gespielt und produziert. Er gibt Jones einen leichten Country-Touch. Trotz Heterogenität wird das Album aber durch sein Titelthema zusammengehalten: Der Wunsch „Pick Me Up Off the Floor“ hat Bezüge in mehreren Liedern, könnte sich an einen Liebhaber, aber auch an Gott richten – oder an den rätselhaften Flammenzwilling. „My twin in flames / lift me off the ground“, singt die Frau, die auf dem Albumcover wie eine am Boden liegende Marionette inszeniert ist. Aber wer zieht die Fäden?

          An Laszivität und theatralischer Leidenschaft gibt Norah Jones im Gesang immer wieder etwas zu viel. Vielleicht zeigt sich darin auch das Dilemma zwischen Popmusik und Jazz, in das die Grammy-Gewinnerin gelegentlich gerät. Es ist ihr siebtes Werk beim traditionellen Jazzlabel Blue Note, das sie durch ihre Popularität grundsaniert hat und das an dieser bestimmt auch weiter interessiert ist. Man würde Norah Jones allerdings wünschen, dass ihr Gesang immer so cool wäre, wie ihre Musik es ist. Im Ausklangsstück immerhin gelingt dies: Das langsame, sehr frei schwebende „Heaven Above“ hat jene Aura des stehenden Moments, die nur selten so musikalisch spürbar wird. Völlig ausgeklinkt sitzt man danach noch eine Weile da, in Gemütsruhe.

          Norah Jones: „Pick Me Up Off the Floor“. Blue Note (Universal)

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