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Norah Jones’ neue Platte : Der blanke Pop

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr nur im Erwachsenenradio: Norah Jones klingt lockerer Bild: Thomas Brill

Die Zusammenarbeit von Norah Jones und Produzent Danger Mouse trägt Früchte. Auf dem neuen Album lässt die frühere Blues-Jazz-Folk-Musikerin polierte Klänge hören.

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          Soeben hat der Radiosender WDR 2, der für die Live-Übertragung des Norah-Jones-Konzerts zuständig ist, den Sendeton im Alten Wartesaal auf laut gestellt. Um fünf nach neun steht dann die Live-Schaltung in den altgedienten Kölner Club: Ein Moderator im dunklen Anzug kommt auf die Bühne gesprungen und kündigt die Show an. Zehn Jahre sei es her, dass sich Norah Jones „aus dem Nichts an die Spitze der Charts“ katapultiert habe, weiß er. So kann man’s auch formulieren. Viel mehr sagt er nicht zu der Sängerin, Songschreiberin und Multi-Instrumentalistin.

          Das Publikum an diesem Abend setzt sich vorrangig aus glücklichen Ticketgewinnern, Mitarbeitern der hiesigen EMI und sogenannten Medienpartnern zusammen. Der vordere Bereich ist bestuhlt, es herrscht Gediegenheit. „Good Morning“ heißt der erste Song, den Norah Jones zum Vortrag bringt, anders, als sein Titel vermuten lässt, ein knapper Abschiedsbrief, untermalt nur von einer Akustikgitarre und etwas Keyboard-Zirpen. „Bring me back the good old days“, bittet Jones gleich im darauffolgenden Song „Say Goodbye“. Wenn jemand so viel vom Abschied singt, dann muss wohl etwas im Busch sein.

          Die Abgründigkeit einer wattigen Produktion

          Es ist nicht alles anders auf ihrem fünften regulären Album, aber eben doch so einiges. Wurde die vielfache Grammy-Preisträgerin bislang von ihrem Publikum für Musik geschätzt, die mit ihrem hölzernen Authentizitätsknirschen irgendwo zwischen Blues, Bar-Jazz, Folk und Americana anzusiedeln war, dominiert auf ihrem in einer Woche veröffentlichten Album „Little Broken Hearts“ der blanke Pop. Verantwortlich für den polierten Klang der Platte ist der Produzent Brian Burton alias Danger Mouse, bekannt etwa durch sein Projekt Gnarls Barkley und seine Arbeit für so unterschiedliche Bands wie The Black Keys oder die Gorillaz. Kennengelernt hatten sich die beiden vor einigen Jahren bei der Arbeit an Burtons Konzeptalbum „Rome“, einer Ode an die italienische Filmmusik der sechziger und siebziger Jahre.

          Dennoch mag es etliche Jones-Anhänger verwundert, wenn nicht gar beunruhigt haben, als sie von der neuerlichen Zusammenarbeit der beiden erfuhren. Sollte dies gar das Ende des wohltemperierten Vollblutmusizierens und der echten Handarbeit bedeuten? Vorerst womöglich ja, zumindest in dieser puristischen Form. Was Burton wie kein Zweiter beherrscht: Er kann Traditionalisten den Pop beibringen - und genau das hat er auch für Norah Jones getan. Gerade durch seine gewohnt wattige und blubbernde Produktion, die das Bekiffte und das Spiegelglatte miteinander verbindet, gewinnen die neuen Stücke an Abgründigkeit. Es ist der Fleetwood-Mac-Trick: Um es unter der Oberfläche brodeln zu lassen, braucht man eben eine Oberfläche. Eine makellose Oberfläche.

          Sie weiß, was sie ihrem Publikum schuldet

          Auch der traditionsreiche „Rockpalast“ filmt diese Vorab-Präsentation des neuen Materials vor handverlesenem Publikum ab. Ob nun wegen der hieraus resultierenden Restriktionen - nicht zu viel Geplänkel zwischen den Stücken, keine spontanen Ausreißer - oder auch wegen des ausschließlich neuen Materials: Der Auftritt gerät über weite Teile arg steif. Jones, sichtlich um Freundlichkeit bemüht, wirkt mehrere Songs lang, als spielte sie ihre Lieder auf einem noch nicht ausreichend erforschten Planeten. Das Material aber ist stellenweise großartig: „All A Dream“ etwa schlurft als narkotisierte Soulnummer daher, zwischendrin spielt eine spindelige Twang-Gitarre. Ebenfalls famos: „Broken Hearts“, ein spukiger Western, bei dem Jones am Saloon-Piano einer Geisterstadt zu klimpern scheint.

          Natürlich weiß Norah Jones, was sie ihrem Publikum schuldig ist, und reicht nach all dem neuen Material in der Zugabe einige Klassiker nach. Doch viele dieser Stücke, wenngleich mit weitaus mehr Lockerheit intoniert als die Songs zuvor, klingen nun beinahe banal. Mit den neuen Liedern aber wird Norah Jones nicht mehr nur im Erwachsenenradio auftauchen, sondern auch im popaffineren Jugendradio.

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