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Konzeptalbum „Immigrants“ : Wenn man keinem gehört

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Zwischen Klassik und HipHop: Der britisch-indische Musiker Nitin Sawhney (rechts) mit Tänzern vor der Royal Albert Hall 2016, mit denen er damals an einem gemeinsamen Projekt arbeitete Bild: Picture-Alliance

Nitin Sawhney ist ein klassisch ausgebildeter Komponist zwischen indischer und westlicher Tradition. Er komponiert Musik für Computerspiele und Filme. Auf dem Album „Immigrants“ vertont er mit vielen Gästen ein Lebensthema.

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          Nitin Sawhney geht seinen musikalischen Leidenschaften seit Jahrzehnten auf den unterschiedlichsten Feldern nach – mit staunenswerter Intensität. Vielleicht schenkt der Wechsel zwischen eigenen Projekten und davon völlig verschiedenen Auftragsarbeiten und schenkt Energie, statt sie zu rauben. Denn der vierundfünfzigjährige Komponist, Multiinstrumentalist, DJ und Musikproduzent kreiert den Sound verschiedenster Computerspiele, Fernsehproduktionen und Filme, er hat 2018 die Musik des für 100 Millionen Dollar von Warner Brothers an Netflix verkauften Blockbusters „Mowgli“ komponiert, er spielt in Trios und Quartetten, mit klassischen westlichen, klassischen indischen und mit Hip-Hop-Musikern und hat selbst eine klassische indische Musikausbildung.

          Nicht zuletzt hat er für zwei der berühmtesten zeitgenössischen Choreographen Musik geschrieben. Sidi Larbi Cherkaoui und Akram Khan tanzten 2005 zu seiner Komposition ihr Duett „Zero Degrees“, für das der britische Bildhauer Antony Gormley zwei lebensgroße, schwere weiße Menschenpuppen geschaffen hatte.

          „Classical Crossover“ ist hier kein Schimpfwort

          Nun hat Sawhney, der wie Khan und Gormley in London lebt, sein elftes Studioalbum herausgebracht. „Immigrants“ vereint als Konzeptwerk Musiker aus aller Welt, die sich als eingewandert bezeichnen; alle möchten sich auf diese Weise auch ungeachtet ihrer eigenen Geschichte für Immigranten einsetzen. Etwa der kanadische, inzwischen auch in England lebende Hip-Hopper Hussain Yoosuf („Spek“) in dem phantastischen Song „Lifeline“ oder die in Stuttgart geborene Sängerin Aruba Red bei dem dunklen, Trauer und Selbstzweifel thematisierenden Song „Replay“ in einer Mischung aus Deutsch und Englisch.

          Musikalisch ist das mit „Classical Crossover“ bezeichnet, hat aber mit Vanessa Mae nichts zu tun. Wer denkt, das kann nur den Einsatz klassischer Instrumente wie Klavier, Tavla, Cello oder Geige bagatellisieren oder natürlich den Bass, den Beat, den Blues unecht, hochglanzpoliert unerträglich machen, der irrt. Die Songs, zurückhaltend im Zusammenspiel verschiedener Traditionen, sind nie überladen. Das erste Stück „Down the Road“, das vorsichtig optimistische Töne anschlägt, was die Utopie eines gelingenden Zusammenlebens in migrantischen Gesellschaften betrifft, feiert die Schönheit traditioneller Gesänge über trockenen Beats und dunklen Klangclustern. Und wie es atmet!

          Überhaupt verströmt dieses Album gelassene Hoffnung und reflektierte Aufgeklärtheit, die keinen Grund zum Verzweifeln sieht trotz offensichtlicher Probleme. Sawhney sitzt für „Movement – Variation II“ am Flügel und begleitet die Sängerin und Cellistin Ayanna Witter-Johnson: „Is this something we can overcome? / No one else belongs to anyone“. Sie singt das mit fast nüchterner, sachlicher Intonation, umso dringlicher klingt die Frage nach. Denn es sind in der Tat zwei verschiedene Seiten der Immigration, um die es Sawhney und seiner selbstgewählten Musikerfamilie geht.

          Einmal sind es die Vorurteile und Stereotype, mit denen sie es immer wieder zu tun hatten oder haben, gegen die anzugehen man nicht müde werden darf. Auf der anderen Seite ist es die mitunter traurige Introspektion der Zugewanderten, die sich vieles fragen: Wie kann ich hier Wurzeln schlagen, wer gehört hier zu mir, wie kann ich mich einbringen, wie gut kann ich differenzieren, was ich selbst will und was andere in mir sehen? Die eigentliche Frage des Albums ist rhetorisch. Sie lautet: Was könnte schöner sein, als gelebte, große Traditionen in etwas Neues einfließen zu lassen?

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