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Niels Frevert : Mir war nicht so nach Rock

  • -Aktualisiert am

Er ist der Typ mit der Gitarre auf dem Bahnsteig: Niels Frevert Bild: Tobias Stachelhaus

Gedankenbegleitservice gegen den inneren Schweinehund: Der Sänger Niels Frevert war Mitte der Neunziger mit seiner Band Nationalgalerie schon einmal fast ein Popstar. Jetzt hat er nach Jahren wieder ein neues Album aufgenommen. Gewohnt lakonisch und dennoch mitreißend.

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          Der Friesenplatz war voll, doch keine Bullen waren da. Im Sommer 1995, als die Kölner Popkomm noch gut in Schuss war und Menschen aus großen Entfernungen anlockte, spielte eine deutsche Band auf der Hauptbühne, an die sich heute nicht mehr allzu viele erinnern: Nationalgalerie, so ihr Name, hatten nach ihrem Hit „Evelin“ soeben eine mehr als ungewöhnliche Single ausgekoppelt, die im Refrain das Leben zur „Tütensuppe mitten auf dem Ozean“ erklärte. Dennoch waren da Leute, die jedes Lied auswendig kannten und mitsangen.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          An jenem warmen Abend war die Band auf der Schwelle zu Ruhm. Dem Sommer folgte eine Tour, nach der sich die Gruppe auflöste. Seitdem ist viel Wasser den Rhein hinabgeflossen, und für die Entwicklung der Plattenindustrie verwenden manche eine ähnliche Metapher. Der Sänger Niels Frevert spielt heute wieder in Jugendzentren und kleinen Cafés, mal vor fünfzig, mal vor hundert Leuten.

          Rückzug ohne Gefecht

          Seit dem Ende von Nationalgalerie hat der gebürtige Hanseat ganze zwei Soloalben aufgenommen. So zurückgezogen seine Musik sich inzwischen entwickelt hat, so kauzig sind oft auch seine Texte. 1997 empfahl er für den Fall eines Weltuntergangs: „Du musst zuhause sein / Wenn es dunkel wird“; 2003 fand er gar die „Letzte Ruhe / In deiner Tiefkühltruhe“. Die neue Platte trägt den Titel „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“. Auch auf ihr geht es aber nicht um die große metaphorische Kapitulation wie jüngst bei Tocotronic, sondern um einen ganz sachlichen Rückzug: an die Heizung, zur Waschmaschine - das sind so Lieblingsorte Freverts.

          Auf Dirk von Lowtzows Befehl „Sag' alles ab!“ könnte er wohl nur schulterzuckend entgegnen: „Wieso, ich war doch gar nicht verabredet.“ Wenn es textlich doch mal vor die Tür geht, dann vielleicht gerade bis ins örtliche Freibad, meistens aber an irgendwelche Bahngleise - das sind bekannte Motive seiner Songs. Musikalisch hat sich jedoch einiges geändert: Der halbangezerrte Telecaster-Sound, der noch an Nationalgalerie erinnerte, ist auf der neuen Produktion einer Mischung aus Zupfgitarre und Streicherarrangements gewichen.

          Zuchtmeister der Schreckgestalten

          „Mir war nicht so nach Rock“, sagt Frevert. Während der langen Entstehungszeit der Platte habe es zunächst nur den Kern aus Stimme und Gitarre gegeben. Dann aber wurde der Komponist Werner Becker hinzugewonnen, der in den siebziger Jahren unter dem Namen Anthony Ventura bekannte Hits in orchestrale „Traummelodien“ verwandelte und einmal sogar selbst beim Grand Prix d'Eurovision antrat. So kurios der Flirt mit dem Schlagerproduzenten zunächst anmutet, so gezielt wird er doch in Freverts ganz eigenes Konzept eingefügt, das bereits seit dem erwähnten Anti-Schlager „Du musst zuhause sein“ eines der gezielten Stilverdrehung ist.

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