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Nick Caves Stream-Konzert : Trauriger Mann allein am Klavier

Übersichtliche Bühnengestaltung: Nick Cave im Alexandra Palace. Bild: dpa

Weil er seine Tour absagen musste, nahm der Musiker Nick Cave ein Solokonzert in London auf. Heute ist es einmalig im Stream zu sehen. Ist das ein Modell, das Musikern über die Krise helfen kann?

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          Die Idee ist theoretisch gut: Weil das mit den Konzerten derzeit schwierig ist, setzte sich der australische Musiker Nick Cave für ein Solokonzert an einen Flügel im Londoner Alexandra Palace, den auch „Ally Pally“ genannten Volksvergnügungspalast im Norden Londons, und ließ sich von einem sehr angesehenen Kameramann dabei filmen. Der Kameramann heißt Robbie Ryan, stammt aus Dublin und ist zuletzt mit Werken wie „Marriage Story“ und „The Favourite“ aufgefallen, das heißt schon was. Es passiert im Konzertfilm „Idiot Prayer“ nämlich nicht besonders viel: Cave rezitiert ein Gedicht, läuft zum Flügel, spielt, singt, läuft wieder weg, ab und zu ändert sich das Licht. Reduziert und intim, wie ja momentan alles in dieser spektakelarmen Zeit des Weggeschlossenseins. Er sei dabei ständig von „Covid officers“ mit Maßbändern und Fieberthermometern umgeben gewesen, schreibt Cave auf seiner Website, von maskierten Kabelträgern und Kameraleuten, nervösen Technikern und eimerweise Handdesinfektionsgel.

          Nun wird der dabei entstandene Konzertfilm nicht einfach auf DVD gepresst und an die üblichen Streamingdienste weitergereicht, sondern nur einmal gestreamt. Live, nämlich für Mitteleuropa am Donnerstag um 21 Uhr, ohne Vorspulen, ohne Zurückspulen, ohne Pause. Und dann eben nicht mehr. Das einmalige Vergnügen ist für 18 Euro zu haben und wird über die Plattform „Dice“ abgewickelt, die zum Glück außer Mobilnummer und Mailadresse wenig von einem will. Auf welchen Gerät man streamt, ist auch dem Kunden überlassen. Das alles ist also theoretisch sehr gut, denn es verleiht dem Konzertvideo etwas Einmaliges und Exklusives, zu dem man sich bewusst hinsetzt und für sein Geld auch aufmerksam hinschaut. Außerdem schafft es durch den Ticketverkauf Künstlern Möglichkeiten einer Monetarisierung ihrer Streams, denn seit Corona streamt ja alle Welt ständig und dauernd.

          Praktisch hingegen verbrachte ich beim Test, nämlich zum zeitlich vorverlegten Sendezeitpunkt für das australische Publikum gegen Mittag, die ersten paar Songs damit, mit drei Geräten zu jonglieren, um einen halbwegs stabilen Stream zu finden. Das erweist sich als deutlich komplexer als die abendlich weggeguckten Netflix-Serien, die mit Homeoffice-Bordmitteln – Wlan, Laptop – eigentlich immer recht zuverlässig laufen. Der „Dice“-Stream dagegen reagiert auf alles unangenehm zickig, auch darauf, ihn nicht freundlich genug anzuschauen.

          Als tolerabel erwies sich am Ende ausgerechnet die Übertragung per Mobilfunkdaten über das Telefon. Der schöne und schon sehr alte Begriff des „Mäusekinos“ passte zu dieser Betrachtungsform erstaunlich gut. Immerhin schepperte der Ton nicht aus dem iPhone, der kam aus betagten, aber bewährten „Braun“-Boxen mit Nußbaumfurnier und tönte so gediegen und abgründig, wie es zu Nick Caves stets von Traurigkeit getragenen Stücken passt. Der reine Musikgenuss stellt sich aber nicht recht ein, denn immer wieder buffert auch der flotteste Stream für ein paar Mikrosekunden und gemahnt daran, dass das hier kein Liveerlebnis ist. Das Internet, das immer so immateriell und flüchtig erscheint, kann einen ziemlich penetrant an seine Beschaffenheit erinnern.

          Es ist schade, wenn man Songs wie „The Mercy Seat“ oder „Into my Arms“, die sich ja doch zu einer ziemlichen Intensität verdichten, mit Aussetzern am Kleinstbildschirm sehen muss. Gerade wenn das Dargebotene so puristisch daherkommt wie ein Mann am Flügel, sollte die Darreichungsform stimmen, denn die Nuancen sind viel subtiler als bei großem Getöse. Zu empfehlen ist „The Idiot Prayer“ also nur Menschen mit einer wirklich, wirklich stabilen Internetverbindung und auch sonst vernünftiger technischer Grundausstattung, sonst macht das wenig Spaß. Der Rest – auch ich übrigens – wartet besser darauf, dass „Idiot Prayer“ vielleicht doch irgendwann einmal als Film veröffentlicht wird oder auf einer etwas stabileren Plattform läuft.

          Es ist außerdem schade, dass mangels Publikum der Applaus fehlt und man sich dabei erwischt, die Pausen zwischen den Stücken erstaunlicherweise viel zu kurz zu finden, weil es noch in einem nachklingt, während es im Ally Pally schon weiterklingt. Pause drücken geht ja nicht. Überhaupt gibt sich Nick Cave wenig Mühe, über den reinen, reduzierten Song hinaus irgendetwas zu bieten. Kein Gespräch, keine Live-Atmosphäre, keine Gimmicks, nur ein gesprochenes Gedicht am Anfang, das titelgebende Gebet. Rein und reduziert, sicher, aber eben auch ein wenig abwechslungsarm. Das passt in die Zeit – aber vielleicht sehnt man sich momentan eher nach Wegen aus der Klaustrophobie heraus, nicht in sie hinein. (Gut, vielleicht sollte man da nicht unbedingt Nick Cave fragen.)

          Informationen und Tickets für „Idiot Prayer“ unter www.nickcave.com, Zugang für 18 Euro. Der Stream beginnt um 21 Uhr.

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