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Nick Cave in Baden-Baden : Sind sonst noch Psychotherapeuten im Saal?

  • -Aktualisiert am

Atheismus sei leider schlecht fürs Songwriting: Nick Cave muss es wissen Bild: dpa

Zehn Tonnen Katastrophe an dünnem Seil: Nick Cave praktiziert als musikalischer Seelendoktor in Baden-Baden. Man fühlt sich dabei manchmal wie in einer riesigen Selbsthilfegruppe.

          3 Min.

          „Dies ist ein Weinelied. Ein Lied, in dem man weint.“ – Wenn ein Text so deutlich ist wie Nick Caves „Weeping Song“, benötigt er dann noch Erklärung? Früher hätte man vielleicht gesagt: gerade nicht. Dann bliebe er auch so abstrakt, dass jeder seine eigenen Bezüge dazu finden könnte. Heute, da die sozialen Medien der Formulierung „geteiltes Leid“ eine ganz neue Bedeutung geben, hat sich auch die Beziehung zwischen Künstler und Publikum verändert.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Also steht Nick Cave als Conferencier des Lieds wie des Leids auf der Bühne und spricht mit seinen Zuhörern. „Song Conversations with Nick Cave“ nennt sich das Programm. Wer eine Frage hat, meldet sich und wird von Ordnern mit einem Licht markiert. Dann bekommt er oder sie ein Mikrofon und ein paar Sekunden oder Minuten Ruhm, je nach Qualität der Frage und nach Laune des Conferenciers. Der stellt gleich klar, dass man ihn nicht langweilen darf und er auch nicht jeden Wunsch erfüllt. Er sei keine Karaokemaschine. An mitgebrachten Blumen einer Frau aus Frankreich ist er nur so mittelinteressiert, wirft sie gleich fort. Sagt dann aber: „I did that in the nicest possible way.“ Das wieder wirkt sehr charmant. Was aber soll man fragen? Vielleicht nach Gott. Atheismus sei interessant, aber leider schlecht fürs Songwriting, sagt Cave. Eine Frau, die extra aus Tel Aviv angereist ist, wird sogar auf die Bühne geholt. Dort aber macht sie einen Fehler. Sie fragt, warum Cave auf dem jüngsten Album „Ghosteen“ so komische Geigen verwendet habe. Schnell ist sie wieder unten, das Saallicht erlischt, Cave sitzt am Flügel und singt „Into my arms, oh Lord“.

          Elvisimitator oder neuer Jesus?

          Dass sich all dies im Festspielhaus Baden-Baden abspielt, gibt dem Ganzen eine besondere Note. Wer ist das, der hier auf Tournee im „Weltbad“ gastiert, in der „einstigen Sommerhauptstadt Europas“, wie es auf Postkarten heißt – ein Elvisimitator? Ein Kurpfuscher? Ein Prediger der Apokalypse oder Jesus Christ Superstar? Cave hat von allen etwas. Dünn wie immer, natürlich mit halblangen, gepflegt nach hinten gekämmten schwarzen Haaren und natürlich im schwarzen Dreiteiler, bewegt er sich lässig und gediegen. Direkt auf der Bühne mit ihm hinter und neben dem Schwarzen Flügel sitzen einige besondere Gäste an Cocktailtischen. Aber es ist nicht alles fein. Es wird bisweilen kräftig geflucht, und Seelenstriptease ist erwünscht und wird erwidert. Eine Frau bittet mit tränenerstickter Stimme um ein Lied – für eine Freundin. Eine andere erzählt von ihrer Ess-Sucht und fragt Cave nach seinen Süchten. Der sagt, er sei heute clean, aber zwanzig Jahre heroinabhängig gewesen. Heute sei sein Leben so viel besser. Für kurze Zeit ist man in einer Selbsthilfegruppe mit vielen hundert Teilnehmern. Aber bevor es ausufert oder gar zu heftig wird, kriegt Cave immer die Kurve, oft durch Ironie. Oder auch mal Verweigerung, als eine Frau, die sich als Psychotherapeutin outet, ihn bittet, seine Träume zu erzählen.

          Natürlich stellen irgendwann auch Leute die Anfortas-Frage, die nach der schwärenden Wunde. Bei Cave ist das der Verlust seines Sohnes. Offen hat er die Trauerarbeit als Grund für das spezielle Konzertprogramm angegeben, sich zudem mit vielen Anhängern auf seiner Internetseite „The Red Hand Files“ darüber ausgetauscht. Nun also live und in Person: Soll man sich in seinen Schmerz hineinfallen lassen? Cave antwortet langsam und bedächtig. Er spricht über die heilende Kraft der Musik und – geteiltes Leid. Die Antwort ist nicht überraschend, aber wie er sie gibt, ist entscheidend. Für viele wird er hier zum Seelendoktor, und zu einem mit Humor. Ob noch weitere Therapeuten im Saal seien, fragt er einmal. Manche Hände gehen hoch.

          Wem das alles zu intim ist, der bekommt ja auch noch Musik – vor allem alte, die nun eine ganz neue Realität gewinnt wie eben der „Weeping Song“. Mick Harvey habe ihn dazu früher einmal gefragt, wovon zum Teufel er darin eigentlich singe, und Cave habe es damals selbst nicht recht gewusst. Nun aber habe der Song vielleicht erst seine eigene, richtige Zeit gefunden, meint Nick Cave vielsagend. Gilt das auch für die enthaltene Zeile „I won't be weeping long“, oder gerade nicht? Solche Rätsel geben auch die teils erhebenden, teils erschütternden Versionen anderer Lieder auf, etwa von „The Mercy Seat“ oder, ganz phantastisch, „Jubilee Street“ mit dessen „ten ton catastrophe on a sixty pound chain“. An diesem Abend ist es nur ein dünnes Seil, aber es hält gerade noch.

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