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Neues Album von Blur : Diese Band ist noch nicht am Ende

  • -Aktualisiert am

Damon Albarn, Dave Rowntree, Alex James und Graham Coxon sind Blur. Bild: WireImage

Zeitgeschichte im Songformat: Dass Blur noch einmal zusammen ins Studio gehen würden, hätte niemand mehr gedacht. Doch Damon Albarn und Kollegen überraschen die Popwelt mit einem neuen Album.

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          Nadelstiche haben sie immer wieder gesetzt. Zum Beispiel, als sie 2009 beim Glastonbury-Festival auftraten, dem britischen Woodstock sozusagen: große Nostalgieshow der neunziger Jahre, bei der mit den Discobass-Oktaven am Anfang von „Girls and Boys“ sofort die Massen tobten – ein Auftritt, musikalisch weit entfernt von Perfektion, aber was für eine Energie! Oder 2012 beim Sommer-Gig im Londoner Hyde Park: Auch dort raunte man „Wir bringen die Band wieder zusammen“, und tatsächlich gab es mit „Under the Westway“ ein neues Lied, bei dem sofort dieses Gefühl wieder da war: Hier wird britische Zeitgeschichte gewitzt in das Format eines Popsongs gegossen, so wie es in den besten Blur-Stücken immer der Fall war, von „Sunday Sunday“ über „Country House“ bis zu „End of a Century“.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber trotzdem schien eine Wiedervereinigung der wichtigsten Britpop-Gruppe zuletzt fast aussichtslos: Gerade erst vor einem Jahr, als Sänger Damon Albarn sein großartiges Soloalbum „Everyday Robots“ vorstellte, hieß es noch, die Band Blur sei für ihn am Ende, er könne sich das einfach nicht mehr vorstellen. Wenn man betrachtet, wie unglaublich produktiv der Sänger seit dem vorläufig letzten Blur-Album „Think Tank“ (2003) gewesen ist und wie er dabei in jeder Hinsicht den Horizont seiner Kunst erweitert hat, ist das leicht nachzuvollziehen. Die Idee zur animierten Cartoonband Gorillaz war schlichtweg genial, und auch seine anderen Projekte, vom kurzen Glück mit The Good, The Bad and The Queen bis zu dem Konzeptalbum über den elisabethanischen Wissenschaftler John Dee („Dr. Dee“) sprechen sehr für ihn.


          Blur - There Are Too Many Of Us on MUZU.TV.

          Albarns Drogenprobleme, die oft als Grund für das Ende von Blur angeführt wurden, bedeuteten also mitnichten das Ende seiner Kreativität. Es stimmt allerdings, dass diese Probleme, wie er offen erzählt, schon die letzten Blur-Alben künstlerisch geprägt hatten: Besonders in dem Song „No Distance Left to Run“ hatte er die auch am Heroin gescheiterte Beziehung zu Justine Frischmann vertont, der Sängerin der ebenfalls wichtigen Britpop-Band Elastica. Und tatsächlich stellte man sich bei ebendiesem tieftraurigen Lied wie auch bei der großen Elegie „The Universal“ oder dem völlig zerbrochen klingenden „Battery in Your Leg“ die Frage, was nach solcher Trauermusik eigentlich noch kommen sollte. „No Distance Left to Run“ hieß dann folglich auch eine Filmdokumentation, die den Titel des Songs auf die Geschichte der ganzen Band übertrug: ein Abgesang.

          Der verschrobene Habitus ist unverändert

          Dafür, dass Blur Wiederbelebungsschwierigkeiten hatte, mag es noch weitere Gründe geben. Während Albarn sehr erfolgreich und Graham Coxon in einer geradezu schwelgerisch antimainstreamhaften Art immer weiter Musik machten (die diversen Soloalben dieses Frickel-Gitarristen sind vielleicht lustig, klingen aber oft wie irre Trips jenseits aller Hörbarkeit), ist der Bassist Alex James nur noch wenig und der Schlagzeuger Dave Rowntree gar nicht mehr musikalisch in Erscheinung getreten. James lebt inzwischen „in the country“ auf einer Farm; Rowntree erweckte im Gegensatz zum hippen Auftreten der anderen drei ohnehin schon immer auf leicht belustigende Weise den Eindruck, er sei womöglich selbst in eines jener Vorort-Reihenhäuser aus dem „Parklife“-Musikvideo eingezogen. Umgekehrt könnte man aber auch behaupten, wie Coxon das in der Dokumentation tut, dass Blur Anfang des neuen Jahrtausends Gefahr lief, zu einer Karikatur zu werden.

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