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Album von Alice in Chains : Als wollten sie dem ewigen Moll entkommen

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Alice in Chains sind ein Urgestein der Grunge-Szene – auch mit neuem Sänger. Bild: Warner Music/BMG

Auch der Grunge starb schon Heldentode. Alice in Chains beweisen aber auf ihrer dritten Platte mit neuem Sänger, dass die Musik noch lebt.

          Rock ’n’ Roll als ewige Party und ungezügelter Ritt auf dem Phallus – dieser Traum platzte, als um 1990 der Grunge von Seattle aus seinen Siegeszug antrat. Depression statt Testosteron, lautete die Devise des Weltschmerz-Rocks. Mit gebeugtem Rücken standen die neuen Superstars am Mikrofon und sangen zu schwermütigem Gitarrengetöse von nie wieder gutzumachenden Kindheitsschäden und Drogensucht ohne therapeutische Perspektive. Die Trauer und Verzweiflung wurden von manchen zwar als posenhaft empfunden (vor allem die zur Seite gefegten Vertreter des hedonistischen Hardrocks lästerten); leider aber haben sich die dunklen Obsessionen schaurig bewahrheitet. Spätestens seit dem Selbstmord Chris Cornells, der sich im vergangenen Jahr unmittelbar im Anschluss an ein Konzert seiner Band Soundgarden erhängte, erscheint die Seattle-Szene rückwirkend wie ein Todesarten-Projekt.

          Einer, der es mit der Sterblichkeit ganz besonders hatte, war Layne Staley, der heroinabhängige Sänger der Band Alice in Chains. Der „hypocrite norm“ der amerikanischen Mittelklasse (die heute selbst ein gewaltiges Opiatproblem hat) zeigte er den Stinkefinger und inszenierte sich als ein in seine Sucht irgendwie doch auch sehr verliebter Schmerzensmann. Das 1992 erschienene Album „Dirt“ ist neben Soundgardens „Superunknown“ eine der drei Überplatten des Grunge.

          Eine Atmosphäre voller Leid und Tod

          Es war Rockmusik, die (erst) mit einem Bein im Grab stand und mit dem anderen noch Tritte versetzen konnte, wie im grimmigen Opener „Them Bones“, der das chromatische Riff als Spezialität der Band auswies.„Some say we’re born into the grave/I feel so alone, gonna end up/a big ole pile o’ them bones“: Um mit solchen Zeilen eine Atmosphäre von Leid und Todesnähe zu schaffen, brauchte Layne Staley nicht heiser zu grollen und zu brüllen wie ein Death-Metal-Vocalist. Im Gegenteil, der hohe zweistimmige Gesang mit dem fabelhaften Gitarristen Jerry Cantrell, seit je ein Markenzeichen der Band, brachte einen kontrastiven melodiösen Schmelz in die Lieder, der ihre finstere Wirkung noch steigerte.

          Es folgte 1995 das titellose Album „Alice in Chains“, auf dem ikonischen Cover ein beinamputierter Hund mit traurig glimmendem Blick. Beim Hören dieses dantesken Meisterwerks war klar: Der halbherzige Kampf gegen die Sucht war verloren, Staley war noch ein Stück weiter in die Grube gerutscht und das Album mit seinen schrägen, schleppenden und schlammigen Doom-Sounds ein Requiem zu Lebzeiten. Das letzte Stück hieß denn auch konsequent „It’s Over“.

          Sieben Jahre voller Drogen und Depressionen später wurde Staley tot in seiner Wohnung gefunden, nachdem seine Leiche dort bereits zwei Wochen gelegen hatte. Doch es war noch nicht das Ende vom Lied. Mit William DuVall hat die Band seit 2006 ein zweites Leben begonnen. Anders als AC/DC, die ein ähnliches Problem mit ihrem verstorbenen Sänger hatten und einen neuen Frontmann engagierten, dessen gepresstes Kreischen nie an die Qualitäten des Vorgängers Bon Scott heranreichte, haben Alice in Chains mit DuVall tatsächlich einen Sänger gefunden, dessen Stimme dem Original manchmal fast zum Verwechseln ähnlich klingt. Allerdings hat er nicht den nasal-nöligen, in den entscheidenden Momenten bohrend intensiven Ton Layne Staleys, er hört sich an wie eine entschärfte Version.

          Langsame Rhythmen und lange Instrumentalpassagen

          Und so wirkt der Gesang auch auf „Rainier Fog“, dem dritten und bisher besten Album der DuVall-Ära, oft ein wenig farblos und ausdrucksschwach zwischen den düsteren Gitarrenwänden. Hauptkomponist der Band ist nach wie vor Jerry Cantrell, der offenbar keine Drogen braucht für seine unheilschwangeren Klangwelten. Der Titelsong beschwört das vernebelte, verregnete Seattle vor der Kulisse des Vulkans Mount Rainier, lässt mit seinen strahlenden Lead-Gitarrenlinien aber auch ein wenig Sonne durchbrechen.

          Das treibende Riff macht Tempo, als wollte es dem ewigen Moll entkommen. Doomig und düster wird es dann in „Red Giant“, einem Kraftpaket von Song, das die Qualitäten der Band bündelt: Da sind die gleichsam aus akustischen Betonquadern errichteten Soundwände der um drei Halbtöne herabgestimmten Gitarre, da ist der schleppende, verlangsamte Rhythmus, da ist der mächtig federnde Bass von Mike Inez und immer wieder die erhaben singende Sologitarre Jerry Cantrells – sehr erfreulich in einer Zeit, in der sich viele Bands kaum noch trauen, längere Instrumentalpassagen in ihre Songs zu integrieren. Da ist vor allem die Fähigkeit Cantrells, mit vergleichsweise einfachen Mitteln orchestrale Lieder zu bauen, die nicht in den Ketten gängiger Harmonie-Schemata verharren und über mehr als fünf Minuten die Spannung halten.

          Erinnerung an alte Zeiten

          Melancholie bestimmt nach wie vor den Ton. „I’ll stay here and feed my pet black hole“, singt William DuVall in „Drone“ über sein ganz spezielles Haustier. Offenbar liebt Cantrell, der auch der Haupttexter der Band ist, die Astrophysik als Motivspender. Neben roten Riesen und schwarzen Löchern gibt es aber auch ein paar weiße Zwerge auf dem Album – Songs, die über Mittelmaß nicht hinauskommen, wie „Drone“ selbst, das mit einem Riff aus dem Black-Sabbath-Baukasten aufwartet, an dem man sich schon beim ersten Mal überhört hat.

          Höhepunkte sind dagegen das ruhige, fast nach Southern-Rock klingende „Fly“ und das impulsive „Never Fade“, eine Hommage auf kürzlich verstorbene Menschen und insbesondere den sehr vermissten Chris Cornell. Das dunkle Pathos der Musik von Alice in Chains ändert hier die Färbung und bekommt einen Zug ins Hymnische. Auch wenn sich die Band im 31. Jahr ihres Bestehens nicht neu erfindet – sie gibt mit „Rainier Fog“ einen sehr soliden Beweis ihres Könnens und erfreut alte Grunge-Fans mit vielen Reprisen und Reminiszenzen.

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