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Forster, Lambchop, Mekons : Die goldene Generation der Independent-Songwriter

  • -Aktualisiert am

Kurt Wagner oder Lambchop Anfang August 2018 in Hamburg Bild: Picture-Alliance

Sie kommen aus einer Zeit, als es auf einmal denkbar war, von einer Musik zu leben, die zu speziell, zu anspruchsvoll, zu persönlich ist, um als reine Ware zu funktionieren: Neues von Robert Forster, Lambchop und den Mekons.

          Als der Dritte im Bunde seine ersten Aufnahmen gemacht hat, Mitte der neunziger Jahre, hatten die beiden anderen den Zenit der Publikumsgunst bereits überschritten. Doch Kurt Wagner gehört derselben Kohorte an wie Robert Forster und wie Jon Langford von den Mekons; alle drei haben den sechzigsten Geburtstag gerade vor oder hinter sich. Und alle teilen eine Besonderheit dieser Pop-Generation, die es so nach ihnen nicht mehr geben dürfte: Sie konnten wie Hans im Glück ihr Geschick selbst bestimmen.

          Der Amerikaner Wagner, der Waliser Langford, der Australier Forster, sie machten im Lauf ihrer Karrieren alle die Erfahrung, dass sie „Big in Japan“ sein konnten, doch der Durchbruch im entscheidenden Musikmarkt der Vereinigten Staaten ihnen verwehrt blieb. In den frühen Tagen des internationalen Pops hieß das noch, dass Plattenfirmen kein Geld mehr investierten und die Medien das Interesse verloren. Doch ab Ende der Achtziger, als im Zuge der Independent-Bewegung die Multis für einen Moment ihre Marktmacht einzubüßen schienen, entwickelte sich eine weltweite Szene von Musikliebhabern, bestens informiert durch Fan-Presse und bald Internet, die eine Alternative zum bisher bestehenden Star-System ermöglichte. Plötzlich war es denkbar, ganz ohne Selbstaufgabe von einer Musik zu leben, die nur begrenzte Verbreitung finden kann, da sie zu speziell, zu anspruchsvoll, zu persönlich ist, um als reine Ware zu funktionieren: Hans im Glück eben, der beschwerendes Gold gegen luftige Freiheit tauscht. Der Schritt vom klassischen Singer/Songwriter führte zur Künstler-Persona, die wie die Zuhörer auch eine halbwegs bürgerliche Existenz zwischen Leistungsdenken und Boheme zu leben in der Lage war.

          Dieser Veränderung des Selbstbildes eines Popmusikers verdanken wir seit drei Jahrzehnten wunderbarste kleine Platten, kleine Konzerte, kleine Wunder, und selig könnten wir allesamt so dahin verbürgern, hätte nicht eine weitere Veränderung auch diesen Lebensentwurf zum Auslaufmodell gemacht: Streaming-Dienste und Entwertung des Urheberrechtsgedankens weisen auch den dauerhaft bescheiden erfolgreichen Musikern ihren Platz im potentiellen Prekariat des Pops zu. Die wenigen vielen, die bis vor kurzem noch hinreichend waren, den paar Einzelnen ein Auskommen zu gewähren, schwinden wieder. Ab und zu eine Tour durch Benelux und Deutschland, um die Portokasse zu füllen, das wird wohl bald nicht mehr funktionieren. Auch diese letzte Nische der Auskömmlichkeit schließt sich – Wagner, Langford oder Forster verfügen vielleicht über genügend Rückhalt, um ihr leichtfüßiges Dasein noch etwas aufrechterhalten zu können.

          Lautstark agitierend die Wahrheit singen

          Robert Forster hängt in diesem Trio dem Traum vom Popstar noch am entschiedensten nach, trotz dandyesker Selbstinszenierung und hingebungsvoller Arbeit als Chronist seiner Zeit mit den Go-Betweens, sei es als Biograph, als Musikjournalist oder Herausgeber der alten Alben. Auch Forsters aktuelles Album „Inferno“ mit schlanken neun Liedern behauptet die Möglichkeit, es an die Spitze der Charts zu schaffen (in Australien besteht zumindest der Hauch davon) und der Karriere eine noch nicht dagewesene Wendung zu geben – quasi um das skizzierte Nischendasein als Irrtum der Kulturgeschichte bloßzustellen. Auch hier sind wir auf Märchen-Terrain. Der Frosch wartet auf den Kuss. „Inferno“, der Song, bollert mit Velvet-Underground-Furor einer Hitparade entgegen, die es so nie gegeben hat; gekonnt und gewohnt singt Forster in anderen Liedern die eine Zeile bergwärts, die nächste hügelab. Die Manierismen sind bekannt; die Produktion ist diesmal makellos, und das Vertrauen in die neuen Songs dem Singenden gut anzumerken. Beim ersten Hören mag man noch ein wenig enttäuscht sein – aber auch diesmal wird uns am Ende wohl jeder der Songs ans Herz wachsen.

          Anders Kurt Wagner, der sich auf „This“ mal wieder als Lambchop verkleidet. Waren es einst vor allem seine Texte, die nicht zu dechiffrieren sind, so ist es inzwischen auch die Musik. Bei aller Zuneigung auch zu Wagner: Es fällt selbst dem Fan schwer, die einzelnen Songs der letzten, immer seltener werdenden Alben auseinanderzuhalten. Ein fragiler Klangstrom umhüllt uns seit langer Zeit schon, dem die gewohnten Regeln des Songwriter-Handwerks egal sind, der nur noch den eigenen Gesetzen gehorcht. Durchscheinend wirkt die Musik, ein Schleier, eine Abwesenheit. Die Möglichkeiten, den Gesang elektronisch zu verfremden, werden auch auf „This“ wieder ausgiebig genutzt und tragen weiter bei zu dem außerweltlichen Musikerlebnis, das immer noch behauptet, ein Lammkotelett zu sein. Und doch: auch hier Momente puren Glücks, kleine Wendungen, Verzierungen, unerwartete Abweichungen. Kein Hit, nirgends, aber Musik aus Amerika, die man nur in Teilen Europas hört.

          „Deserted“, das Ende März erscheinende Album von den Mekons, der Band von Jon Langford und Genossinnen, geht noch einmal einen komplett anderen Weg: Die sich immer wieder zusammenraufenden Gründermütter und -väter des nordenglischen Punks haben hier trotz des gewohnt raubatzigen Gesangs ihr einstiges Rabaukentum gegen eine Finesse getauscht, die den Songs teils eher nicht so gut steht – und in den besten Momenten an das Siebziger-Jahre-Art-Rock-Duo Godley & Creme erinnert: Auf „Lawrence of California“ oder „Harar 1883“ wähnt man sich fast körperlich zurückversetzt in die Art-School-Pop-Szene der Siebziger, als man versuchte, zu Philosophie zu tanzen. Doch gibt es ein Publikum, das auf Songtitel wie „Weimar Vending Machine“ abfährt und auf den Glamour vergangener Musikjahrzehnte? Was die Hitparaden angeht, erzählt die Abbildung eines alten Konzertposters aus den Siebzigern auf der Facebook-Seite der Band die ganze Geschichte in knappster Form. Während die Mekons Headliner sind, werden unter „ferner liefen“ auch U2 geführt: „Ja, U2 waren eine unserer Vorgruppen, und die Jungs sahen so jung aus und so klein und zerbrechlich und hatten trotzdem bereits diese heroischen Fußballstadien-Gesten drauf, die sie dann groß gemacht haben.“ Näher am ursprünglichen Mekons-Modell ist die personell leicht anders zusammengesetzte Gruppenversion Mekons 77, deren 2018 erschienenes Album „It Is Twice Blessed“ (Slow Things/Indigo) es schaffte, unpeinlich die besten Punk-Tugenden fortzuschreiben: lautstark agitierend die Wahrheit zu singen. Schöner und besser ist diese ja nicht geworden, und die Falten und Plauzen der Mekons 77 passen da bestens ins Bild.

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