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Neues von den „Arctic Monkeys“ : „See Ya Later Innovator“

  • -Aktualisiert am

Die Gitarre hat noch Luft: Sänger Alex Turner und Schlagzeuger Matt Helders Bild: Matthias Lüdecke

Gerade erst haben die „Arctic Monkeys“ aus Sheffield für ihr Debütalbum zwei Brit Awards abgeräumt, da steht schon der Nachfolger ins Haus. In einem Konzert in Berlin gab die Band einen Einblick in ihr neues, für April angekündigtes Album.

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          Um die einzige wirklich wichtige Frage gleich zu klären: Daumen rauf! Es geht noch. Die neuen Songs der „Arctic Monkeys“ können es mit den alten aufnehmen; die neue, im April erscheinende Platte der Britrock-Durchstarter des vergangenen Jahres verspricht das Niveau des sensationellen (und gerade mit zwei Brit Awards gekrönten) Debüts „Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not“ zu halten – zu übertreffen wohl nicht, aber immerhin.

          Wie geht es weiter mit dem Rock?

          Daran hängt mehr als nur der Kreativitätshaushalt irgendeiner der unüberschaubar vielen Jungspundbands. In den Berliner Postbahnhof, durch den (in etwas zu aufdringlicher Symbolik) tatsächlich Gleise des alten Rangierbahnhofs laufen, war man als Zeuge einer Weichenstellung gekommen: Wie geht es weiter mit dem Gitarrenboom, dem ganzen juvenilen Indie-Retro-Post-Punk-Ding? Denn die in den letzten Jahren dominierende Musikrichtung droht inzwischen am eigenen Erfolg zugrunde zu gehen.

          Zwar wirft die Industrie im Stundentakt neue Bands auf den Markt, doch der Zauber der Anfänge ist verflogen: Protagonisten wie die „Libertines“ sind im Drogensumpf untergegangen; andere Vorreiter wie „Franz Ferdinand“, die „Killers“, „Mando Diao“ oder die „Kaiser Chiefs“ haben mit ihren jüngsten Platten eher enttäuscht; und neue Hype-Bands wie die „Rifles“ oder „Little Man Tate“ langweilen mit Trittbrettfahrerei ohne stilistische Eigenart. Zu beobachten ist ein überhitzter Markt bei kreativem Stillstand. Man sehnt sich längst wieder nach komplexerer, erwachsenerer, ja artifiziellerer Musik. Man kann, kurz gesagt, die sexy-zugedröhnten Jungs in ihren Lederjacken nicht mehr sehen.

          Symbol der Myspace-Revolution

          Geht es also überhaupt noch weiter mit dem Rocken? Den „Arctic Monkeys“ aus Sheffield kommt hier nicht nur wegen ihrer Jugend eine Schlüsselstellung zu; sie repräsentieren den Gipfel des Booms, den All-Time-Spitzenkurs der Retro-Aktie: Ihr durch Internet und Konzerte vorab bekanntes Debütalbum stellte in Großbritannien im Januar 2006 einen neuen Verkaufsrekord für die erste Woche auf, womit die Band in der Branche zum Symbol der Myspace-Revolution wurde, zum geflügelten Boten des digitalen Musikzeitalters. Jetzt sieht man, dass längst nicht so heiß gegessen wie gerockt wird. Vom neuen Album, das „Favourite Worst Nightmare“ heißen wird, findet sich bislang nur ein Song im Netz; das Geld wächst auch bei den Affen nicht auf den Bäumen.

          Todsichere Sommer-Hits

          Das einzige deutsche Vorabkonzert beginnt das Quartett um Alex Turner mit zwei Mid-Tempo-Stücken vom kommenden Album: sehr entspannt und „clashig“, gleichwohl stilistisch unverwechselbar. So könnte es natürlich gehen. Als Startschuss für die noch abwartende Meute kommt dann „I Bet You Look Good on the Dancefloor“ – immer noch großartig, volle Punktzahl –, dann mischen sich Hits wie „When the Sun Goes Down“ oder „Fake Tales of San Francisco“ mit neuen Stücken. Sehr auffällig und sogleich im Ohr ist „Flourescent Adolescent“ mit einem wunderbaren, swingenden Sixties-Beat – ein todsicherer Sommer-Hit – sowie die eher ruppige erste Single-Auskopplung „Brianstorm“, die alle Zweifel an der anhaltenden Form der Band wegblasen zu wollen scheint: „See ya later innovator“.

          Grund genug zum Feiern

          Insgesamt scheinen die neuen Songs weniger post-punkig auf kurze Riffs und Tanzbarkeit geeicht, geben dafür etwas mehr Freiraum für Improvisationen. Die spielerische Leichtigkeit, mit der die Band intelligente Texte, Riffs und Melodien produziert, ist bemerkenswert. Woran es mangelt, ist jedoch eine überzeugende Konzertdramaturgie. Atempausen werden nicht gewährt, Hits früh verbraten und die begeisterungswilligen Zuhörer durch ein abruptes Ende auch noch ohne Not brüskiert. Zugaben gab es keine, so dass der Beifall schließlich sogar in Buhrufe umkippte. Die furchtbare Akustik der Halle hob die Stimmung auch nicht gerade.

          Es gab also genug Anlass, sich zu ärgern. Doch wichtiger, wie gesagt, war der eine Grund zum Feiern: Es geht noch ein bisschen weiter mit dem atemlosen Rockding, für diesen Frühling wird die Luft auf jeden Fall noch reichen.

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