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Neues Album von Keith Richards : Immer so durchgemogelt

  • -Aktualisiert am

Johnny Depp in hundert Jahren? Aber das ist doch Keith Richards! Bild: dpa

Keith Richards hat nach 23 Jahren wieder ein Soloalbum veröffentlicht. Selbst auf Stones-Platten nach 1973 wären die Songs nicht unangenehm aufgefallen. Zudem kündigt er ein neues Album der Rolling Stones an.

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          Wenn einer singen und der andere Gitarre spielen kann - was machen die dann? Sie gründen eine Band. Wenn der, der gut singen kann, auch noch Gitarre spielen will? Dann lässt man ihn und hofft darauf, dass diese Gitarre von der anderen mitgerissen oder übertönt wird, es wird schon niemand so genau hinhören. Und wenn aber der, der Gitarre spielen kann, plötzlich singen will? Dann kann es Probleme geben.

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

          Der gemeine Hörer ist vermutlich nicht der Einzige, den Keith Richards mit seinen sängerischen Ambitionen immer wieder in Verlegenheit bringt. Mick Jagger wird früh eingesehen haben, dass er nicht ganz drum herum kommen würde, ihn wenigstens ab und zu ans Mikrofon zu lassen - bitte, wenn es ihm so wichtig ist, soll er doch. Der erste Versuch ging seinerzeit gut („You Got the Silver“ auf „Let It Bleed“, 1969), der zweite auch („Happy“ auf „Exile On Main St.“, 1972). Danach gab es die Faustregel: O.K., er darf, aber nur einmal pro Platte. Später wurde es dann zwei- bis dreimal. Es wäre übertrieben zu sagen, dass es mit mehr Übung besser geworden wäre. Vor allem bei den Balladen war es ein regelrechter Krampf, sie wurden von Richards fast alle ruiniert; es war einem peinlich, so etwas mit anzuhören. Mein Gott, was hätte Mick Jagger aus solchem Material gemacht?! Zum Glück gab es die Möglichkeit, diese Lieder zu überspringen.

          Die Unfähigkeit, Töne zu halten

          Auf den Soloplatten, die Richards seit 1988 in großen Abständen veröffentlicht, ist das naturgemäß nicht möglich. Nachdem er 23 Jahre lang diesbezüglich Ruhe gegeben hat, ist es nun wieder so weit: An diesem Freitag erscheint seine dritte Soloplatte - Ohren auf und durch!

          Geben wir zunächst unserer Verwunderung darüber Ausdruck, dass „Crosseyed Heart“ (Virgin/EMI/Universal), für das er seine buddies Waddy Wachtel (Gitarre), Steve Jordan (Schlagzeug) und, als Gastsängerin, die wundervolle Norah Jones rekrutiert hat, im Ganzen so kraftvoll geraten ist. Schon das ist eine Leistung, die man anerkennen muss. Aus ihr spricht ein Ehrgeiz, den man Richards gar nicht mehr zugetraut hätte - und der jetzt konsequent überhört wird, wo es doch schon allenthalben heißt, diese alte Echse habe es sich im Studio bloß gemütlich gemacht. Es ist schon richtig, dass Richards niemandem etwas beweisen muss. Im Prinzip kann er machen, was er will. Anzunehmen aber, er ginge das Risiko eines Rohrkrepierers ohne Not ein, ist abwegig.

          Keith Richards in Aktion am 15 Juli dieses Jahres.
          Keith Richards in Aktion am 15 Juli dieses Jahres. : Bild: AP

          Sacht aus der Kurve getragen

          Das Titelstück zum Auftakt ist eine Delta-Blues-Miniatur, die sich mit der akustischen Gitarre fein anlässt und dann wie selbstverständlich in den gleichsam genießerisch schlemmenden Quasi-Gesang hinübergleitet: „Mmmh, I love my sugar, I love my honey, too“ - viel mehr muss ein Bluesmann ja gar nicht können. Vergleichbar schlau geht er in den schnelleren, recht eigentlich harten Liedern vor, die seine Unfähigkeit, Töne zu halten oder auch nur zu treffen, kaschieren. Von dieser Sorte gibt es unter den fünfzehn Liedern - ja, man kriegt hier was für sein Geld, auf Vinyl ist es ein veritables, keineswegs künstlich gestrecktes Doppelalbum! - die meisten. Man muss sie nicht einzeln aufzählen, sie sind alle gut. Richards macht hier richtig Druck und keine Gefangenen. Auf keiner Stones-Platte nach 1973 wäre auch nur ein Stück davon unangenehm aufgefallen. Auch der schwach intonierte, aber stilecht gespielte Country „Robbed Blind“ hätte das nicht getan, der Reggae „Lover Overdue“ aber natürlich sehr wohl. Ausnehmend gut macht er seine Sache dann aber bei Stilabweichungen wie „Lover’s Plea“, verblüffend echter Soul der Marke Stax/Volt, während er sich sonst dunkel grummelnd oder sprechsingend so durchmogelt.

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          Schließlich noch eine richtige Mutprobe: Allen Ernstes wagt er sich an den Countryblues-Walzer „Goodnight, Irene“! Mit diesem vor Urzeiten von Huddie Ledbetter aufgenommenen Standard, den er auf fast sechs Minuten streckt, ohne dabei einzubrechen, trägt er uns sacht aus der Kurve, auf dass wir noch lange schwärmen von dieser Platte. Sollte es bis zum nächsten Mal wieder 23 Jahre dauern (Keith Richards ist dann fast 95) und falls er dann noch Hörer braucht: An uns soll es nicht liegen.

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