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Neues Scorpions-Album : Stichtag für den Stahlstachel

Können sie’s wirklich lassen? Nach der Tour zum fünfzigsten Jubiläum soll Schluss sein für die Scorpions. Bild: Oliver Rath

Seit fünfzig Jahren gibt es sie, sie füllen Stadien von Asien bis Amerika, und ihr Sänger singt das deutscheste Amerikanisch aller Zeiten. Heute veröffentlichen die Scorpions ihr wohl letztes Studioalbum.

          Noch so ein Ding wird diese Band nicht aufnehmen, erzählt sich die Fachwelt. Dieses hier kann ja auch alles, was ein Epilog zu fünfzig Jahren Fiepjaulschrumm wollen darf: „Going Out with a Bang“ eröffnet das Album „Return to Forever“ im lebhaften Teutonic-Walking-Tempo; das zweite Stück „We Built this House“ gräbt die vor dreißig Jahren vom Oberzuckerwatteproduzenten Mutt Lange bei Def Leppard zur waffenfähigen Ohren-Landplage herangezüchteten „Wooh-Oohh“-Chorpassagen wieder aus; die vierte Nummer, eine bergkristallklar blankpolierte Streichelzooballade namens „House of Cards“, zeigt den Sänger Klaus „Troubadix“ Meine als Legierung aus erschöpftem Helden und kleinem Jungen, ein stilecht inszeniertes Echo der Doppelrolle Lausbub/Lebemann, die Robert Plant für Led Zeppelin erfunden hat. Auf diesem No-Nonsense-Weltprofi-Niveau geht es weiter durch insgesamt zwölf Bausätze, montiert aus dem Überhang an Stahlscharnieren, Sprungfedern und Zahnrädern, der sich in den Tresoren der wetterfestesten deutschen Hardrock-Band im Laufe der letzten halben Ewigkeit angesammelt hat - vom gitarrensimulierten Feueralarm als Songeinstieg („Catch Your Luck and Play“) bis zur Kesseltreiber-Rollkommando-Polterparty, die sich neben den bulligsten Standards des Gemeinschaftsstiftungsrock (also Sachen wie „All We Are“ von Warlock oder „In Union We Stand“ von Overkill) auf jedem Fahnenappell sehen lassen kann („All for One“).

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als die härteren, schrofferen, teils übersteuerten, teils lavadickflüssigen Gangarten der Rockmusik Anfang bis Mitte der achtziger Jahre vom Streifenpolizisten bis zur Hairstylistin, vom Gymnasialsportlehrer bis zum Autoschlosser die schweigende Mehrheit im kurz vor seinem Epochensieg stehenden freien Westen durch die Wochenenden prügelten, waren den jüngsten, aufbruchwilligsten Menschen in dieser Klientel die Scorpions schon fast als Alteisen zuwider. Man interessierte sich mehr für tiefergelegte oder beschleunigte Spielarten der Kreissägenmusik- zunächst die New Wave of British Heavy Metal, dann Überbietungserscheinungen wie Speed- und Thrash-Metal. Dass die Scorpions und vergleichbare deutsche Panzermodelle (Accept zum Beispiel, zurzeit in Hochform) noch eine lange und breite Zukunft haben würden, hätten hiesige Headbanger seinerzeit stark bezweifelt. Amerikaner allerdings geraten noch heute ins Schwärmen, wenn sie den legendären Scorpions-Auftritt auf dem dreitägigen „US Festival“ im San Bernardino Valley im Mai 1983 nacherzählen, der nach einer perfekt einstudierten Revue von höchster technischer Vollendung mit chaotischem Übereinanderstürzen der Musiker zu zehnminütigem Feedback-Saitenschleifer-Krach endete.

          Finanziert wurde der Exzess übrigens von Steve Wozniak, einem der beiden Apple-Gründer - so viel zur Zukunftsfähigkeit der Scorpions, die kaum zehn Jahre später dann auch noch einen Kompositionsauftrag der Weltgeschichte ergattern konnten: Als Klaus Meine am Rande eines weiteren Stadion-Mega-Events in Moskau auf die Idee kam, den Pfeif-und-Säusel-Soundtrack zur Perestrojka „Wind of Change“ zu dichten, entstand damit die Mitschunkelversion von Gorbatschows Erklärung auf dem 28. Parteitag der KPdSU über die Notwendigkeit der Verwandlung staatlicher Unternehmen etwa in Aktiengesellschaften und der Zerstörung des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe. Damals Perestrojka, heute Troika, damals die Sezession von dem Westen entgegenstrebenden Teilen Jugoslawiens, die man im Heimatland der Scorpions sehr begrüßte, heute die Sezession von dem Osten entgegenstrebenden Teilen der Ukraine, die man im Heimatland der Scorpions scharf verurteilt: Kinder, wie die Zeit vergeht.

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