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Neues von den Liedermachern : Weil der Schmerz nicht so einfach vergeht

Der Rapper Haftbefehl Bild: Picture-Alliance

Das ist er wieder, der polyglotte, schwermütige Offenbacher Rapper Haftbefehl. Und mit ihm eine Reminiszenz an die Beatles, Jay-Z und seinen liebsten Stoff.

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          Der Song, der den Schmerz im Namen trägt, ist einer der letzten, aber das Gefühl beginnt schon viel früher, bei „Bolon“, dem ersten Lied des Albums. Eine Hymne auf das Kokain, getragen von vier Klavierakkorden. „Ich hab’ mehr Weiß gesehen als ein Eskimo“, rappt Haftbefehl, dann: „Mossul, Neid, Streit, keine Liebe auf dem Globus“. Typisch: Der Exzess geht nahtlos in die Weltlage über. Und während man noch dabei ist, all die rätselhaften Begriffe zu dechiffrieren und Bolon als spanisches Wort für Haufen identifiziert, das Haftbefehl ebenso eigenwillig betont wie Napoli (einmal auf dem ersten, einmal auf dem zweiten Vokal), denkt man: Schön, das ist er noch, der polyglotte, schwermütige Offenbacher Rapper. Und weil es wie damals klingt, ist es natürlich nicht peinlich, sondern „real“.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Stadt, in der Aykut Anhan, genannt Haftbefehl, aufwuchs und in der er sein eigenes Label unterhält, liegt in diesen Ausnahmewochen geruhsamer da, als er sie oft beschrieben hat. Sehr bürgerlich sind einige Ecken von Offenbach in den letzten Jahren geworden. Glaubt man seinen Songs, rollte Hafti vor ein paar Jahren noch mit dem Rolls-Royce durch diese Straßen und wollte Nasen brechen. Heute ist es ein Maybach, in dem er ausgewählte Journalisten mitnimmt, von denen er sich siezen lässt. An der Wohnblockanlage Mainpark machen die Stadtführer Halt, um das Haus zu zeigen, in dem er, einer der besten deutschen Rapper, gelebt hat. Das angrenzende Viertel ist jetzt Studenten-WG-Gebiet, die Hochschule für Gestaltung nebenan. Etwas hat sich hier getan, aber man maßt sich kein Urteil an über diese soziale Wirklichkeit, auch seine bürgerlichen Fans tun das nicht.

          Wenige verstanden ihn

          Fünf Jahre haben sie auf das neue Album gewartet. Entsprechend hoch setzte Haftbefehl seine Maßstäbe. „Das Weiße Album“ ist eine Reminiszenz an die Beatles, Jay-Z und seinen liebsten Stoff. Seit seinem Erscheinen vor zwei Wochen gab es wenig Kritik daran, schließlich ist er vielen noch immer als Rapper mit den besten Punchlines, also Hip-Hop-Pointen, in Erinnerung („Muck bloß nicht uff hier du Rudi“) und als Schöpfer einer neuen Sprachkultur weit über die Szene hinaus.

          Seit zehn Jahren bedient sich Haftbefehl bei allen ihn umgebenden Sprachen und Alltagsslangs, vom Bosnischen über das Türkische und Französische bis zum Romani. Wenige verstanden, was er textete, aber es war neu und grenzüberschreitend. Es gelang dem vorbestraften Halbwaisen und Betreiber eines Wettbüros, beim Rappen Bilder im Kopf zu erschaffen und auch denen etwas begreiflich zu machen, die noch nie von der Polizei gesucht wurden. Man lobte ihn für seine als Echtheit verpackte Schonungslosigkeit. Und war dankbar, dass seine eigene Sprachwelt auch immer eine Flucht in Fiktion und Ironie bot. „Morgenstern“ – Ist vielleicht doch der Dichter gemeint?

          2013 wurde der Begriff Babo aus dem Song „Chabos wissen wer der Babo ist“ Jugendwort des Jahres. 2014 benutzte ein junger CSU-Politiker die Zeile für seinen Wahlkampf und erklärte in die anschließende öffentliche Häme hinein, er distanziere sich vom Originalsong. Diese Episode der Chabo-Verwertung, die damals erst an ihrem Anfang stand, spiegelte ein Problem von Haftis Straßenrap. Viele wollten etwas von seiner Strahlkraft abhaben, aber keiner glaubte, sich dabei die Hände schmutzig machen zu müssen.

          Auf dem „Weißen Album“ hat Haftbefehl so unterschiedliche Rapper wie Shindy, seinen Bruder Capo, Marteria und Shirin David versammelt und eine dem Klang nach von den Zeitgeistphänomenen des Hip-Hop angenehm verschonte Platte produziert. Viel hat sich nicht geändert. Noch immer diese Stille, nach der sich der Beat drängend wieder aufbaut. Es wird wieder viel geschrien, aber auch erfreulich oft gesungen. Haftbefehl beschwert sich über die Macht der Plattenfirmen, natürlich wegen der Kohle, und über die dem Autotune verfallenen Erfolgsrapper der Neuzeit, mit denen er ganz offensichtlich nichts anfangen kann. Und er denkt viel zurück, weil der Schmerz nicht so einfach vergeht, auch wenn man mit vierunddreißig in einem Maybach sitzt.

          Aber natürlich geht es auch um Gewalt, Drogen, Missgunst, Imperien, Frauen ohne Stimme, für die Haftbefehl kurz vor dem Aussterben stehende Begriffe hat. Und selbst im Duo mit der erfolgreichen Unternehmerin Shirin David ist Hafti Conan, der Barbar (jung, wild, asozial). Shirin David bleibt ein Kurzauftritt, legendär gleichwohl ihre als Seitenhieb des Künstlers auf sich selbst zu verstehende Zeile „Chabos wissen, wer deine Mami ist“.

          Mit einem Milieu voller Vorurteile und der Suche nach einem Ziel für die Frustration lässt sich zweifellos argumentieren, wenn man die eigene enge Weltsicht rechtfertigen will. Aber Haftbefehl, der sich auch schon Antisemitismusvorwürfen ausgesetzt sah, ist zu intelligent, um das glaubhaft zu vertreten. In der allgemeinen Corona-Verschwörungsstimmung im Hip-Hop hat er sich im Gegensatz zu einigen Kollegen ruhig verhalten.

          Man hört sich also durch dieses Album und sucht weiter nach Referenzen und stellt die Kokain-Elegien zum Hintergrundrauschen und schwelgt in solchen Zeilen: „Besser, du gehst deinen und ich geh' meinen, egal, wie sehr es schmerzt (Wird wohl nix mit Kinder)“. Die Songs „Hotelzimmer“ und „Papa war ein Rolling Stone“, den er mit dem ganz in seiner Tradition stehenden Rostocker Rapper Marteria aufgenommen hat, gehören zu den aus bürgerlich-hiphopnostalgischer Sicht besten Songs des Albums. Sie erzählen uns Geschichten, sie sind voll Offenbacher Schwermut und klingen, als gälten sie uns allen. Am Ende ist seit zehn Jahren wirklich alles beim Alten bei Hafti. Und das ist bei allem Schmerz, aller Wut und Abhängigkeit ja auch ein bisschen tröstlich.

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