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Neues Album von Shantel : Die Lieblingssongs des organisierten Verbrechens

  • -Aktualisiert am

Amerikanischer kann eine Gitarre nicht aussehen: Stefan Hantel alias Shantel mit einer Rickenbacker Bild: Julia Zimmermann

Das Syndikat investierte massiv in Radiostationen, Musikclubs und die Schallplattenindustrie: Das neue Album des Frankfurter DJs Shantel beleuchtet den Einfluss der jüdischen Mafia auf das amerikanische Showgeschäft.

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          Zwischen den zwanziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts existierte in Amerika eine jüdische Verbrecherorganisation, der man, in Anspielung auf die berühmteren Kollegen aus Italien, bald den schönen Namen „Kosher Nostra“ gab. Während der Prohibition stellte der illegale Handel mit Alkohol ihre Haupteinnahmequelle dar, danach bestand das Kerngeschäft aus Auftragsmorden, nun wurde unter dem Namen „Murder Inc.“ operiert. Obwohl mehr als tausend Tote auf das Konto dieser Organisation gingen und diese in der Wahl ihrer Mittel nicht eben zimperlich war - Eispickel waren eine gern benutzte Tatwaffe -, hatten ihre Mitglieder so herrliche Spitznamen (Longy, Shadows, Boo Hoo, Big Greenie), und es ranken sich so abenteuerliche Geschichten um sie, dass man versucht ist, ihr mörderisches Tun zu verharmlosen und das Ganze für die Vorlage für einen phantastischen Hollywoodfilm zu halten.

          So soll einer der wichtigsten Gangster, Benjamin Siegel, wegen seiner Jähzornigkeit „Bugsy“ genannt (bugs: Slang für übergeschnappt), einmal beinahe Joseph Goebbels und Hermann Göring erschossen haben. Das Ganze trug sich 1938 in Italien zu, in der römischen Villa von Bugsys damals aktueller Geliebter, Dorothy DiFrasso, einer amerikanischen Millionärstochter, die einen italienischen Grafen geheiratet hatte, der wiederum mit Mussolini befreundet war. Eines Abends waren dort zugleich mit dem jüdischen Mobster aus Amerika auch Goebbels und Göring zu Gast. Als Siegel das mitbekam, soll er sogleich seinen Revolver gezogen und angekündigt haben, die beiden auf der Stelle umzulegen. Bedauerlicherweise konnte ihn die Gräfin jedoch von seinem Vorhaben abbringen, sie befürchtete, ihr Mann könne sonst Ärger bekommen.

          Die perfekte Assimilation

          Der Frankfurter Musiker und DJ Stefan Hantel, 43, unter seinem Künstlernamen Shantel international bekannt, bringt nun eine Anthologie heraus, die den Einfluss des jüdischen organisierten Verbrechens auf die amerikanische Musikindustrie beleuchtet: eine Sammlung von Songs aus den zwanziger bis sechziger Jahren, in denen geswingt, geschluchzt und geschmachtet wird, dass es nur so kracht. Viele der Songs haben jiddische Texte, was in Kombination mit amerikanischem Jazz faszinierend ungewohnt klingt und eine Welt eröffnet, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts vor allen Dingen eines war: neu - und als solche Zufluchtsort für Hunderttausende osteuropäische Juden.

          „Immigration und Assimilation - das war es, was mich an dieser Thematik interessiert hat“, sagt Hantel. „Im Fall von Amerika war es so, dass die jüdischen Einwanderer den amerikanischen Traum sehr schnell adaptierten, indem sie sich bestimmte Attribute zu eigen machten. So gab es zum Beispiel einen Schweizer Immigranten namens Adolph Rickenbacher, einen Instrumentenbauer. Er war einer der Erfinder der E-Gitarre. Schon in den fünfziger Jahren baute er diese in einem Design, das von der Form her an einen Cadillac erinnert. Amerikanischer kann eine Gitarre gar nicht aussehen, die perfekte Assimilation. Jüdische europäische Einwanderer hatten einen enormen Einfluss auf die Bildung einer ureigenen amerikanischen kulturellen Identität, und das wollte ich mit dieser CD zeigen.“

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