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Neues Album von „Run The Jewels“ : Zuflucht für den amerikanischen Zorn

  • -Aktualisiert am

Böse Jungs und ein Buick: Cover-Art zum vierten Album von „Run The Jewels“ Bild: Run The Jewels

Der poetisierte Aufruhr der Straße: „RTJ4“, das vierte Album des amerikanischen Rap-Duos „Run The Jewels“, ist eine wütende Anklage, die in puncto Flow und Lässigkeit ihresgleichen sucht.

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          Bevor es politisch wird, muss festgehalten werden, dass dieses eines jener Alben ist, für das die meisten gängigen Musikwiedergabegeräte schlicht zu klein sind. All die weißen Airpods, die Bluetooth-Schachteln am Schnürchen, selbst die überdimensionierten Noise-Cancelling-Kopfhörer werden klingen, als versuchte man Jerichos sieben Schofare durch ein Kazoo zu kanalisieren. Die Art, wie auf „RTJ4“, dem vierten Album des amerikanischen Ostküsten-Rap-Duos „Run The Jewels“ (RTJ) gereimt wird, ist für die ganz große Wucht konzipiert, für den weithin hörbaren Aufschlag eines Hammers; eine zornige Anklage, die an einigen Stellen so lässig unterkühlt, zurückgelehnt und diszipliniert vorgetragen wird, als wehe die Wut auf einem bassgetragenen Schneesturm durch die klirrende Membran des hoffentlich unbarmherzig laut aufgedrehten Lautsprechers.

          Als europäisches Weißbrot ist es müßig, so zu tun, als verstehe man auf einer emotionalen Ebene etwas von diesem poetisierten Zorn, der sich in Amerika nicht erst seit dem Mord an George Floyd durch einen weißen Polizisten Bahn bricht. Aber mit der weltweiten Gratisveröffentlichung des Albums werden auch wir eingeladen zuzuhören – um danach vielleicht zumindest eine Ahnung von all dem zu haben, was Granaten in die Herzen der Rapper Killer Mike und El-P gepflanzt hat, deren Splint, wie es im 10. Track „Pulling the Pin“ heißt, „sie“ (wir?) in den Händen halten. Dennoch, so sagte es Killer Mike, der Sohn eines Polizisten, jüngst unter Tränen der Wut in einer öffentlichen Protestrede in Atlanta, sei er angesichts der Gewalt gegen Schwarze zwar „höllisch wütend“, doch sei es seine Pflicht, alle daran zu erinnern, nicht aus Zorn das eigene Haus abzubrennen. Sondern es zu befestigen, damit es „ein Ort der Zuflucht“ werden könne. Es sei nun Zeit, ungeliebten Politikern eine an der Wahlurne zu verpassen – und das, obwohl er die ganze Welt am liebsten in Flammen gesehen hätte, weil er es so Leid sei, schwarze Menschen sterben zu sehen, „wie Zebras im Maul eines Löwen, während alle zusehen“.

          Hören, woher Rap kommt und wohin er immer wollte

          Schon auf musikalischer Ebene machen RTJ deutlich, worum es ihnen auch gehen könnte: Die politischen Wurzeln ihrer Kunst mit dem Handwerk, der Technik und dem Wissen von heute in die Zukunft zu verpflanzen. Hier lässt sich hören, woher Rap kommt und wohin er immer wollte; als Musik des Widerstands, die stirbt, wenn sie in Geld ersäuft oder durch Tony-Montana-Attitüde zur Pose wird. In den elf Stücken vollzieht sich fast so etwas wie eine Geschichte der Rap-Evolution. Zunächst reduziert, ohne viel Sample- oder Trap-Schnickschnack, dafür Schlagwerk, Cuts und rohe Stimme wie in „Yankee and the Brave (Ep.4)“, mit klarer Ansage: „We don't mean no harm but we truly mean all the disrespect.“

          In „Ooh La La“ folgt mit einem Sample aus „DWYCK“ von Gang Starr & Nice & Smooth („Hard to Earn“, 1994) der Gruß an den Hip-Hop der frühen Neunzigerjahre, einer Zeit, in der DJs, wie hier DJ Premier, Tracks noch mit dem rhythmischen Kratzen der Nadel über schwarzes Vinyl (Scratching) veredelten. Und so lässig das hier klingt, so klar wird gleichzeitig die Erkenntnis formuliert, dass es schwer ist, an einer Ordnung des Zusammenlebens festzuhalten, wenn ihre Regeln sich nach der Hautfarbe richten. In einer Anspielung auf den finsteren Ordnungshüter Batman heißt es: „I used to love Bruce but livin' my vida loca / Helped me understand I’m probably more of a Joker / When we usher in chaos / Just know that we did it smiling“.

          Alles was folgt, zeigt, dass zumindest auf textlicher Ebene die Zeit der „One World“-Kompromisse in einem Land, das so tief und unversöhnlich gespalten ist wie die Vereinigten Staaten von Amerika, vorbei scheint: „Lauft!“ rappt Killer Mike in „Out of Sight“, dem Stück, das noch einmal vergegenwärtigt, dass die Weichheit und Unantastbarkeit des Flows von RTJ in der englischsprachigen Rap-Welt ihresgleichen suchen dürfte. Da ist so viel Druck in den Lungen, minutenlang passt kein Atemzug dazwischen – Rap als umgekehrter Apnoetauchgang. Überhaupt, die Tiefe: Statt oberflächlichem Gebrüll haben RTJ für „Atlas' Schulterzucken“ als Anspielung auf die kontroverse Autorin Ayn Rand im Song „Ju$t“ eine „Vonne-Gut-Schelle“ parat. Sie lassen sich jedoch nie auf plumpes Austeilen ein, sondern bleiben ihrem Kung-Fu der Doppeldeutigkeiten treu: „Look at all these slave masters posin' on yo dollar.“

          Nun zur Versöhnung. Wut – auch das wird in diesem Album, dessen Stücke sich als großes Ganzes viel besser verstehen lassen, deutlich – muss nicht heißen, dass die Hoffnung auf Annäherung trotz erhöhter oder unterkühlter Temperaturen endgültig gestorben ist. In „A Few Words to the Firing Squad“ rappt Killer Mike von einer Mutter, deren Herz durch die Welt gebrochen und deren Leben durch Drogen beendet wurde. Und davon, dass Gott ihn, das schwarze Kind in Amerika, „gesegnet“ habe, um ebenjene Mutter mit seinen Gedanken, Worten und Taten zu erlösen. Möge der andere, der „teuflische God“ niemals seine Befriedigung bekommen. Deshalb schleudert er den Kugeln des Exekutionskommandos trotz all der Gewalt- und Rache-Phantasien nur seine Worte entgegen: „Fuck you too“.

          Fingerpistole und Faust: Das Cover des Albums "RTJ4" der amerikanischen Hip-Hop-Band Run The Jewels (undatierte Aufnahme).
          Fingerpistole und Faust: Das Cover des Albums "RTJ4" der amerikanischen Hip-Hop-Band Run The Jewels (undatierte Aufnahme). : Bild: Run The Jewels

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