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Neues Album von „Massive Attack“ : Die Insellösung

  • -Aktualisiert am

Entdeckung der Langsamkeit: Grant Marshall von Massive Attack Bild: dpa

Weshalb auch sollte Perfektionismus in der Popmusik ein Makel sein? Zumal in diesem Fall, schließlich ist Entschleunigung das Charakteristikum der offenen Bristoler Band um Robert Del Naja und Grant Marshall, die für ihre Stücke jeweils die idealen Sänger verpflichtet.

          „Ohoho Boy!“ - da hängt man längst an ihren Lippen, schönen Lippen, die schöne Sätze formen, mit der Grazie von dreiundsiebzig Jahren und der Anmut eines Mädchens, das soeben entdeckt hat, dass der Weg ins Paradies keineswegs verstellt ist: „Ein Orgasmus ist dieser eine Zeitpunkt, der sich nicht messen lässt. Ein mystischer Moment, der nicht wirklich existiert in unserer Dimension.“ Unermesslich ist auch, was Georgina Spelvin, die Hauptdarstellerin des Arthouse-Pornchic-Klassikers „The Devil in Miss Jones“ von 1973, mit diesem brillanten und via Internet längst vielmillionenfach angesehenen Videoclip zu dem betörenden Massive-Attack-Titel „Paradise Circus“ für den heute so beschädigten, in den Dreck des Kommerz herabgedrückten Zauber der Erotik getan hat: Mit wenigen Worten gibt hier jemand, dem man vertrauen darf, der Sexualität Würde und Freiheit zurück, eine umwerfende Erfahrung, zumal in Verbindung mit der paradiesisch verführerischen Stimme Hope Sandovals: „Oh well the devil makes us sin / but we like it when we're spinning - in his grip.“

          Reflexhaft setzte neoprüdes Jugendschutz-Geheul ein. Doch nichts ist anrüchig an diesem Video Toby Dyes, das kunstvoll Interviewsequenzen mit der betagten Dame mit Szenen aus dem Originalfilm verschleift, nicht die Körper, nicht die Worte, nicht die Orgasmen. Alles dagegen erscheint plötzlich anrüchig, was uns in Unterwäsche von den Werbeplakaten herab anschreit, all der Warengeschlechtsverkehr. Treibt diese Teufel aus, wenn ihr die Jugend schützen wollt, nicht den in Miss Jones; mehr noch: Schützt diesen vor jenen. Über den leichtgewichtig emanzipatorischen Einwand, jeder Pornofilm sei Ausbeutung durch die Kamera, kann die Schauspielerin nur verschmitzt lächeln. Die Kamera habe doch erst die rechte Spannung erzeugt: „Because the truth of it is: I love the camera.“ Hier aber lernen wir fürs Erste, die Boxen zu lieben.

          Wiederentdeckung der Langsamkeit

          Sieben Jahre haben sich Massive Attack für ihr fünftes Album „Heligoland“ Zeit genommen, beinahe ein Jahr pro Titel - und jede Sekunde davon hat sich gelohnt. Weshalb auch sollte Perfektionismus in der Popmusik ein Makel sein? Zumal in diesem Fall, schließlich ist Entschleunigung das Charakteristikum der offenen Bristoler Band um Robert Del Naja und Grant Marshall, die für ihre Stücke jeweils die idealen Sänger verpflichtet. Vor zwanzig Jahren - nach dem Auseinanderbrechen des Underground-Kollektivs „The Wild Bunch“ - haben sie auf den Alben „Blue Lines“ (1991) und „Protection“ (1994) noch Soul, Jazz, Rap und Samples über ruhige, bassbetonte Dub-Läufe gelegt, sich aber spätestens mit dem zeitlos schönen Wunderalbum „Mezzanine“ (1998) bergwerks-tief in gitarrenverzerrte Düsternis gegraben, die auch die vierte, ins Synthetische verschobene Veröffentlichung „100th Window“ (2003) dominierte.

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