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Neues Album von Jan Delay : Der will doch nur rocken

Unter Schwermetallern: Jan Delay im schicken Anzug auf dem Wacken-Festival 2013 Bild: https://plus.google.com/+JanDelay

Jeder bekommt das, was er verdient. Und Hamburg deshalb die neue Platte von Jan Delay. Kann man dem Hamburger seine neue Rolle als Rocker abnehmen?

          Wer ist eigentlich dieser Jan Delay, was, bitte schön, soll St. Pauli sein, und wo überhaupt liegt das seltsame Hamburg? Ein Musiker, ein Viertel und eine Stadt, die vielleicht nur existieren, weil sie in einigen Köpfen existieren? Zumindest gibt es nun eine neue Jan-Delay-Single mit dem Titel „St. Pauli“, und nächste Woche erscheint sein Rock-Album „Hammer & Michel“.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es ist das dritte Wortspiel in Jan Delays Reihe Ich-veröffentliche-Alben-mit-Kalauer-Titeln (2006 hieß seine Platte „Mercedes-Dance“, 2009 „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“). Doch zurück zu St. Pauli. Merkwürdige Menschen, die in Bussen zu „König der Löwen“- und „Phantom der Oper“-Musicals pilgern, behaupten, dass es ein ganz schön derber, verdorbener Kiez sei, dieses St. Pauli in diesem Hamburg. Andere, die aufgekratzt und etwas schamerfüllt über die Tabelle der Zweiten Bundesliga debattieren, berichten sogar, dass es einen Fußballverein gebe, der so ähnlich heißt. Wieder andere brüllen, wenn sie St. Pauli nur hören, laut „Gentrifizierung“ und wollen sofort Polizisten vermöbeln.

          Und jetzt kommt also auch noch Jan Delay mit seinem angeblich rockigen „St. Pauli“ daher. Hört man sich diesen Song an, gibt es keinen großen Grund, sich zu ärgern oder Steine werfen zu wollen. Die Lyrics sind nichtig („Im Großen und im Ganzen ham’ wir allen Grund zum Tanzen“), und musikalisch stehen ebenfalls Nullgedanken hinter der Nummer (ein bisschen Schlager, ein bisschen Deutschrock der achtziger Jahre, ein bisschen Geschepper). „St. Pauli“ wäre der ideale Song, um eine Sat-1-Komödie beginnen zu lassen, diese Art Film, in dem es um eine Liebesgeschichte zwischen zwei Menschen geht, die einander zuerst nicht ausstehen können, dann lange bekämpfen und zum Schluss doch noch zusammen glücklich werden. Und so wie eine seichte Privatfernsehkomödie ist Jan Delays „St. Pauli“ ebenfalls sehr schnell vergessen und deshalb auch keine Empörung wert.

          Schneeweißchen auf Wacken

          Trotz dieser Nummer ist man irgendwie neugierig auf den neuen Jan Delay, der nach einem Reggae- und zwei Soul-Alben jetzt ein Deutschrocker geworden ist. Dass seine Ich-mache-jetzt-Rock-Haltung nur ein Pseudo-Tabubruch ist, das ist von Anfang an klar. Die Strategie, sich etwas ganz Neues anzueignen, haben - mal mehr, mal weniger erfolgreich - tausend andere Musiker vor Jan Delay ausgespielt. Gespannt hört man sich die neue Platte dann weiter an, wählt als Nächstes den Song mit dem vielversprechendsten und härtesten Titel.

          Im Fall von „Hammer & Michel“ ist es natürlich „Wacken“, denn sofort denkt man an das größte Heavy-Metal-Festival der Welt. Und dann denkt man, das wird jetzt heftig. Doch während Delays erstem, näselndem „Tschüs, ihr Spacken, ich geh nach Wacken“ und der kraftlosen Riffs, die nichts mit Rock zu tun und nicht einmal mittelmäßiges Schlager-Potential haben, ahnt man, dass diese Nummer der unangenehme Höhepunkt des neuen Deutschrock-Delay-Abziehbildchens sein muss.

          Und als ob der Song nicht schlimm genug wäre, hat der Musiker dazu auch noch ein Video produziert, bei dem man sich ganz fest mit dem Zeigefinger gegen die Stirn klopfen muss. Da spaziert Jan Delay im schicken, schneeweißen Anzug durch das Metal-Dörflein Wacken, vorbei an Hunderten schwarzgekleideten Festivalfans, die den Möchtegern-Paradiesvogel bestaunen. Mit einer Hand seinen weißen Dandyhut sichernd, springt er schließlich mit ihnen fröhlich im Takt. Dass die Ibdee, während des Wacken-Festivals einfach mal Weiß zu tragen, nicht unbedingt einfallsreich ist, war dem Musiker offensichtlich egal.

          „1000 und 1 Nacht“ ist noch nicht übel genug

          Trotz allem denkt man sich gutmütig: Okay, vielleicht war das ja ironiefreie Ironie, vielleicht sind die anderen Songs doch ganz gut. Irrtum. Je länger man sich „Hammer & Michel“ anhört, desto klarer wird: Jan Delay den Rocker zu glauben, das schafft nur jemand, der Kay One für einen wahrhaften Gangsterrapper hält. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als manisch die Phrasen in Jan Delays Texten zu zählen. Überall versteckt der Musiker deutsch-deutsche Egal-Redewendungen wie „die Nacht ist jung“, „da ist lange noch nicht Schicht“ oder „ich packe meine sieben Sachen“. Während des Hörens und Zählens nistet sich zu allem Übel auch noch die vage Erinnerung an den Sound dieses Udo-ich-male-mit-Eierlikör-Lindenbergs in den Kopf. Und plötzlich ist man doch wieder in Hamburg, dessen Aushängeschilder Lindenberg und Delay sind.

          Ja, diese seltsame Stadt gibt es tatsächlich. Dort wohnen Menschen, die sich Hanseaten nennen und am liebsten unter sich bleiben. Sie predigen über die Lebensqualität ihrer kleinen Heimat und spazieren stundenlang an der Alster entlang. Diese Stadt ist architektonisch und kulturell vollkommen egal und nahezu seelenlos. Doch in den Köpfen seiner Bewohner bleibt Hamburg die schönste und aufregendste Stadt auf der Welt. Es ist irre, wie stolz Hamburger auf Hamburg sind. Und so kommen wir wieder zum Lokalpatrioten Delay.

          Einst Reggae und Soul, jetzt Rock: Jan Delay sucht eine neue Rolle

          Denn was den Musiker und seine Heimatstadt eint, ist Selbstüberschätzung. In seinem Song „Kartoffeln“ hat Delay vor einigen Jahren einmal über deutsche Klischees gerappt: „Ja, wir scheißen auf Mugge, woll’n lieber Bausparn’ / darum haben andre Bob Marley und wir ham’ Klaus Lage!“ Und weil „1000 und 1 Nacht (Zoom!)“ noch nicht übel genug ist, bekommt Hamburg nun seinen Neu-Rocker Jan Delay.

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