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Neues Album von Adele : Tupperware für Hipster

  • -Aktualisiert am

Die Musik altert auch bei ihr mit: Adele, jetzt bei 25 angekommen. Bild: dpa

Adele bricht gerade wieder sämtliche Verkaufsrekorde – aber was hat man auf dem neuen Album „25“, das auf Streaming-Diensten nicht zu finden ist, nur mit ihrer wuchtigen Stimme gemacht?

          3 Min.

          Heute hat ja jedes Geschäft seine eigene Hintergrundmusik: Bei Kaffeeketten trinkt man mit sanften Liedermachern, in Sportschuhgeschäften läuft Gangsta-Rap, bei der Kette für hippe, preiswerte Kleidung bisweilen hipper Gitarrenrock. Und dann gibt es noch die guten alten Kaufhäuser für alles: Auch in denen läuft ständig Musik. Es muss dann aber solche sein, die sowohl zur Lederjacken- als auch zur Bratpfannenabteilung passt. Also wird dort gern Musik gespielt, die man Popgewäsch nennen könnte. Sie besteht meist aus einer Frauenstimme, die mit „Autotune“ oder anderen Klangeffekten fast aller individueller Charakteristika beraubt wurde, sowie einer Mischung aus Klangteppich und Geräuschen, in der keine natürlichen Instrumente mehr zu erkennen sind, einem Refrain in höchsten Höhen und voller Pathos (Beispiel „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus) und ansonsten nichtssagendem Strophentext zum sofortigen Wiedervergessen.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Mindestens fünf der elf Lieder auf dem neuen Album von Adele gehören in den Gemischtwarenladen, einige direkt in die Bratpfannenabteilung. Zum Beispiel die Single mit dem nicht sehr einfallsreichen Titel „Hello“. Oder das Lied „Send My Love (To Your New Lover)“: Es beginnt mit einem Klopfen, angeblich auf einem Gitarrenkorpus, es könnte aber auch eine Tupperschüssel sein, darüber klimpern spärliche Töne. Es ist wieder dieser furchtbar zerhackte Rhythmus, der spätestens seit dem Erfolg der Gruppe Destiny’s Child, also seit bald zwanzig Jahren, jeden zweiten Mainstreampopsong verschandelt.

          Werbe-Jingle für den neuen Tripel-Espresso

          Und jetzt zu der Frauenstimme, die darüber singt. Das soll also Adele sein? Jene wuchtige Wiedergeburt einer Mama Cass, die 2007 mit neunzehn Jahren auf den Plan trat, die Leute regelrecht umhaute mit ihrer frischen Soulkraft, die für ihre Alben „19“ und „21“ zu Recht gefeiert wurde, die dann alle Verkaufsrekorde brach und die 2012 bereits einen James-Bond-Song selbst schrieb und sang, sogar einen sehr guten („Skyfall“)? Von dieser Stimme ist hier nicht viel übrig, sie wurde geglättet, durch einen Kompressor geschickt, kleingemacht. Und sie könnte sich auch gar nicht entfalten, weil die Songs auf dem dritten Album „25“ (XL/Beggars) dafür viel zu langweilig geschrieben und arrangiert sind. Etliche Produzenten haben daran mitgewirkt, aber an einen Signatursound, wie ihn der Amy-Winehouse-Produzent Mark Ronson Adeles frühen Songs gegeben hat oder Rick Rubin einigen auf ihrem zweiten Werk, kommt kein Lied heran. Auch so verschiedene Klang-Köche wie Greg Kurstin und Danger Mouse schaffen hier nur Einheitsbrei. Von Soul ist fast keine Spur, und auch den Groove, also irgendeinen zum Tanzen oder Mitgehen anstiftenden Moment, sucht man vergeblich.

          Es gibt auf der Welt viele tolle Lieder über Flüsse; die sterile Softpop-Nummer über den „River Lea“, jenen Fluss im Londoner Stadtteil Tottenham, aus dem Adele Adkins stammt, gehört aber nicht dazu. Sie singt zwar, dass etwas aus diesem Fluss nun in ihrem Blut sei, aber das Mojo, welches frühere Songs wie „Chasing Pavements“ oder „Right as Rain“ angetrieben hat, kann es nicht sein. Immerhin: Bei der Ballade „When We Were Young“, in der Adele kurz ihr Stimmregister in die Tiefe auslotet, blitzt außer der Ironie einer sehr verfrühten Altersweisheit wieder etwas Rührendes auf.

          Doch es gibt zu viele Klavierballaden auf „25“. Eine mit dem Titel „All I Ask“ trieft vor Schmalz und will offenbar noch Whitney Houstons „I Will Always Love You“ übertreffen. Eine mit der Hookline „I will be your remedy“, also dem Versprechen, Lösung und Medizin zu sein, könnte ganz gut im Kaffeeladen laufen, vielleicht gleich als Werbe-Jingle für den neuen Tripel-Espresso; dann wird es aber doch eher ein mit zu viel Sirup versetzter Vanilleschlörk. Und wo wir schon bei Werbung sind: Zu „Water Under the Bridge“, einem stark an die achtziger Jahre erinnernden Spirit-Song mit exotischen Marimbaklängen und einem Anflug von Gospelchor, stellt man sich ein sehr gutmenschiges Video vor, in dem junge Leute verschiedener Herkunft in bunter Kleidung in Zeitlupe Bälle in die Luft werfen und ihnen staunend hinterherschauen. Das könnte dann wahlweise für eine Fluglinie oder einen Mobilfunkanbieter stehen.

          Was wurde in den letzten drei Wochen für ein Gewese gemacht um dieses neue Album der „erfolgreichsten Sängerin des Planeten“, es gab Vorberichte sonder Zahl, die kaum von PR-Texten zu unterscheiden waren. Jetzt stellt sich heraus: Es ist einfach nur ein weiteres Popgewäsch-Album, das die Welt nicht braucht. Vielleicht sollte Adele nächstes Mal Gitarrenrock probieren oder Gangsta-Rap.

          Neues Adele-Album „25“ wird auf Streaming-Diensten nicht angeboten

          Kunden von Musik-Streamingdiensten müssen sich das neue Album von Superstar Adele vorerst woanders besorgen: Die Sängerin und ihr Management haben beschlossen, „25“ nur auf CD oder als Download zu verkaufen. Adele folgt damit dem Vorbild von Taylor Swift, die vor einem Jahr ihr Hit-Album „1989“ medienwirksam dem Streaming-Marktführer Spotify vorenthielt. Das trieb den CD-Absatz in die Höhe.

          Viele Adele-Fans wichen am Freitag auf illegale Kopien aus. In der Hitliste des Torrentverzeichnisdienstes „The Pirate Bay“ schoss „25“ umgehend an die Spitze und überholte den bisherigen Spitzenreiter Major Lazer. Die Streaming-Anbieter hatten schon im Fall von Taylor Swift gewarnt, die Musiker könnten ihre Fans wieder in die Piraterie treiben.

          Swift war vor allem die werbefinanzierte Gratis-Variante von Spotify ein Dorn im Auge. Sie hat zwar eine eingeschränkte Funktionalität, aber Fans können sich mit etwas Geduld trotzdem alle Songs anhören. Bei Apple Music, das keine kostenlose Version hat, machte sie „1989“ später verfügbar. Adele boykottiert bei „25“ das Streaming, bei dem die Musik direkt aus dem Netz abgespielt wird, generell. Nur die neue Single „Hello“ ist bei den Online-Diensten verfügbar, neben den beiden Vorgänger-Alben.

          In der Branche gibt es schon seit Jahren eine heftige Diskussion darüber, ob die Streamingdienste für die Musiker nicht zu wenig Geld abwerfen.

          Die Streaming-Anbieter seien weniger als 24 Stunden vor Erscheinen des Albums über die Entscheidung informiert worden, schrieb die „New York Times“. In Deutschland konnte man „25“ zum Start am Freitag als Download erwerben, aber auch hierzulande war das Album in Streamingdiensten wie Spotify oder Apple Music nicht zu finden.

          Streaming-Einnahmen machen bisher nur einen kleinen Teil des Musik-Geschäfts aus, der Anteil wächst aber schnell, während der CD-Absatz und Downloads auf dem Rückzug sind.

          Dass eines der wichtigsten Alben des Jahres kurz vor dem Weihnachtsgeschäft dem Streaming fernbleibt, dürfte für „25“ auch die Verkaufszahlen der CD in die Höhe treiben. In Deutschland schlägt sich die Musik-Scheibe als Medium ohnehin besser als in anderen Ländern. Für die Streaming-Anbieter, die vor allem ihren Abo-Kunden für zehn Euro oder Dollar im Monat ein Komplett-Angebot bieten wollen, bedeutet die Absagen von Adele ein herber Rückschlag. Leicht profitieren könnte allenfalls Apple, denn der iPhone-Konzern hat neben seinem Streamingdienst auch seinen iTunes-Store im Angebot, wo das „25“ für 11,99 Euro angeboten wird.

          Der „New York Times“ zufolge war Adele selbst an der Entscheidung beteiligt. Die Zeitung berief sich auf drei Quellen, ein Sprecher Adeles habe das nicht kommentieren wollen. Anfragen der Deutschen Presseagentur beim amerikanischen Label Columbia und beim Management der Künstlerin blieben zunächst unbeantwortet. In Europa wird das Album von XL Recordings verbreitet.

          Bei den Streaming-Diensten gilt nach jüngsten Zahlen Spotify aus Schweden als Marktführer mit 75 Millionen Nutzern, von denen 20 Millionen zahlende Abo-Kunden sind. Apple Music kam drei Monate nach dem Start auf 6,5 Millionen zahlende Abo-Kunden, der französische Dienst Deezer gibt eine ähnliche Zahl von Abonnenten an. (FAZ.NET mit dpa)

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