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Kings of Convenience : Wozu sich noch die Haare kämmen?

  • -Aktualisiert am

Jahre vergehen, Träume verwehen, aber sie haben viel Geduld: Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe, besser bekannt als Kings of Convenience Bild: Universal

Schuld war nur der norwegische Bossa Nova: Die Kings of Convenience haben doch noch ihr lang erwartetes Album „Peace or Love“ fertiggestellt. Ein Warnaufkleber wäre angebracht.

          2 Min.

          Manchmal bricht die Kommunikation ab, und es ist unklar, ob sie je wieder aufgenommen werden wird. Gerade bei denen, die einem vermeintlich wichtig waren und umgekehrt, ist das schwer zu begreifen – aber irgendwann ist der Punkt zur Rückkehr wohl überschritten, plötzlich sind es sagenhafte sieben Jahre oder mehr, das nie für möglich Gehaltene wird zu einem bösen Märchen im echten Leben.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Auch die Möglichkeit eines neuen Albums vom norwegischen Liedermacher-Duo aus Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe, genannt Kings of Convenience, war schon in märchenhafte Ferne gerückt. Sogar eine Nachfrage bei einem der beiden vor Ort in Bergen, fast am Ende der Welt, brachte wiederum nur märchenhafte Antworten, in Kürze etwa: Das Album sei eigentlich seit Jahren fertig, aber doch noch nicht so ganz.

          Nun ist es doch fertig – und sieht aus und klingt wie ein Wiedergänger-Märchen, aber kein böses. Auf dem Cover von „Peace or Love“ sitzen die beiden Norweger, die offenbar nicht gealtert sind, versunken an einem Schachbrett wie auf ihrem 2004 erschienenen „Riot on an Empty Street“, das zum Standardwerk einer neuen Musikrichtung wurde: der des norwegischen Bossa Nova.

          An dessen Lieder knüpfen sie daran Zug um Zug, in Akkordfolgen, Zupfmustern, zweistimmigem Gesang und minimalistischer Produktion direkt wieder an; es ist, als wollten sie manche Stücke einfach weiterschreiben. So klingt „Angel“ mit seiner hüpfenden Basslinie mehr als vertraut, wenn man das frühere Lied „Know-How“ damals rauf und runter gehört hat. Und die erste Single „Rocky Trail“, die mit den Worten „One more time“ einsetzt, klingt wie eine Fortsetzung der Geschichte vom einsamen Kanuten aus dem damaligen „Cayman Islands“, der nun felsiges Land erreicht hat.

          Auch Feist ist wieder dabei

          Fast könnte man sogar sagen: Die Kings of Covenience spielen nur Variationen eines einzigen Lieds, so wie man über manche Dichter sagt, sie haben im Grunde nur ein Gedicht geschrieben. In der Popmusik der vergangenen beiden Jahrzehnte ist das vergleichbar mit dem Liedermacher Jack Johnson, dem sein rhythmisches Schlagmuster auf der Gitarre zu einem unverkennbaren Markenzeichen geworden ist. Als er davon dann doch einmal abgewichen ist, war er prompt nicht mehr so gut, wurde verwechselbar.

          Den Fehler machen die Norweger nicht: Selbst die Zusammenarbeit mit der kanadischen Sängerin Feist wird hier nahtlos fortgesetzt, als wäre auch sie nie weg gewesen: mit der Ballade „Love Is A Lonely Thing“ und dem Wohnzimmer-Tanzsong „Catholic Country“, der von einem sehr dezenten, geschickt in den Hintergrund gemischten Hip-Hop-Groove unterlegt ist.

          Die Grundstimmung des norwegischen Bossa aber, wie sollte es anders sein, ist oft an der Grenze des für ein Herz Aushaltbaren: Das tieftraurige „Comb My Hair“ etwa hat in etwa die Schwere und das Schmerzkolorit von Hank Cochrans Sechzigerjahre-Schmachtsong „Make the World Go Away“. Es schildert, wenn man ehrlich ist, Zeichen einer depressiven Verstimmung, indem es fragt: Warum sich die Haare kämmen, warum überhaupt noch aufstehen, wenn der geliebte Mensch nicht da ist?

          Diese Musik setzt alles außer Kraft

          Wer „Comb My Hair“ gehört hat, dürfte vorderhand keinen Grund mehr sehen, gängige Alltagsroutinen fortzusetzen, diese Musik setzt alles außer Kraft. Sie kann gefährlich werden. Gäbe es Warnhinweise, wie sie wegen Gewaltdarstellungen oder sonst wie gefährdender Inhalte jetzt häufiger Kulturprodukten oder auch Zeitungsartikeln beigestellt werden, wäre hier ein Aufkleber „Achtung, kann Schwerstmelancholie auslösen“ angebracht.

          Daraus ergibt sich – neben den zuletzt öfter vorgebrachten ästhetischen – hier auch einmal ein moralischer Grund für die Erhaltung des Album-Konzepts: Ein solches Lied kann eigentlich nur gerechtfertigt sein in einem Kontext, in dem es zwischen aufmunternderen Komplementärstücken aufgehoben ist. Die sind, wenn man nicht der Schmerzensmusik an sich auch tröstenden Charakter zubilligt, jedenfalls mit „Fever“ gegeben – oder mit dem Rausschmeißerlied „Washing Machine“, das mit Lebensweisheiten der schon lange nicht mehr Zwanzigjährigen aufwartet: Einfach mal alles auf links ziehen und durchwaschen.

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