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Neues von Soft Machine : Die Underground-Lieblinge Europas

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Ein in die Jahre gekommener musikalischer Bio-Organismus: Roy Babbington, John Etheridge, Theo Travis und John Marshall Bild: dpa

Die britische Band Soft Machine steht seit fünfzig Jahren für eine Vision, mehr als dreißig Musiker spielten in mehr als zwanzig verschiedenen Formationen. Jetzt wollen sie es mit dem Album „Hidden Details“ noch einmal wissen.

          Sie lebt – die „weiche Maschine“ läuft wie geschmiert, da greift ein Teil perfekt ins andere, mechanische Abläufe verflüssigen sich unmerklich, scheinbar endlose Echoschleifen entpuppen sich als planvolles Pulsieren einer atmosphärischen Einheit. Wie ein aufgeschreckter Bienenschwarm schwirren die Töne eines Keyboards durch den Raum. Darunter liegende Verzerrungen einer Bassgitarre erinnern an eine sanft singende Motorsäge. Trotz aller Nervosität flatternder Noten weht ein ruhiger, absichtsloser Atem durch die Stücke. Dann wieder wütet das Musik-Monster und erfüllt mit aggressivem Fauchen den Maschinenraum. Die britische Band Soft Machine repräsentiert seit nunmehr fünfzig Jahren eine Vision: Ein musikalischer Bio-Organismus, vielfältig elektronisch vernetzt, bringt für Momente den Unterschied zwischen Natur und Technik zum Verschwinden.

          Mehr als dreißig Musiker spielten in mehr als zwanzig verschiedenen Soft Machine-Formationen, fortlaufende Besetzungswechsel garantierten eine andauernde Frischzellenkur. Vom Wortwitz des Dadaismus beeinflusst, von den drogeninduzierten Rauscherfahrungen im „Swinging London“ fasziniert, vom New Yorker Free Jazz infiziert und vom gradlinigen Rock der britischen Provinz gelangweilt, entwickelten die Soft-Maschinisten eine Band-Philosophie des unablässigen Experiments. Ursprünglich ein Quintett mit hippiesken Exzentrikern wie Daevid Allen und Kevin Ayers, erweiterte sich das verbliebene Trio mit Keyboarder Mike Ratledge, Hugh Hopper am Bass und dem Drummer/Sänger Robert Wyatt um den Saxophonisten Elton Dean zum Quartett, das pophistorisch so bedeutsame Alben wie „Third“ und „Fourth“ einspielte.

          Nie offiziell aufgelöst

          Sie galten als die Underground-Lieblinge Europas, und nicht selten steigerte sich das Ensemble in bizarre Improvisationsabenteuer, in denen Drone-Effekte von Orgel und Saxophon für ständige Alarmbereitschaft sorgten. Obwohl der Einstieg der Jazzrock-Gitarristen Alan Holdsworth und später John Etheridge von vielen Hardcore-Fans als Verrat angesehen wurde, verliehen doch gerade diese melodieseligen Fließtechniker der Band neuen rockmusikalischen Drive und schimmernde Texturen. Inzwischen hatte mit Mike Ratledge auch das letzte Gründungsmitglied demissioniert und unter der rigiden Kompositions-Herrschaft des Multiinstrumentalisten Karl Jenkins blieben die alten surrealen Soundideale und der Zauber einer durch und durch verspielten Vertracktheit zunehmend auf der Strecke.

          Offiziell aufgelöst haben sich die Pioniere des Canterbury Sound nie, Nebenprojekte wie Softs, Soft Heap, Soft Ware, Soft Works oder Soft Machine Legacy – selbst eingefleischten Maschinisten fiel es schwer, noch den Überblick zu behalten – konnten in den letzten zwei Dekaden Erinnerungen an Leichtigkeit, Anarchie und Wärme konservieren.

          Siebenunddreißig Jahre nach ihrem letzten Studioalbum „Land Of Cockayne“ ist den Psychedelic-Rock-Propheten von einst mit dem offiziellen Nachfolger „Hidden Details“ nun eine kleine musikhistorische Sensation gelungen. Fernab jedes Nostalgie-Trips entpuppt sich die aktuelle Formation als eine Band des 21. Jahrhunderts, mit neuem Material und alter Spielwut. Den überlebenden Maschinenführern John Marshall am Schlagzeug, Roy Babbington am Bass, dem Gitarristen John Etheridge und Theo Travis an Saxophon, Flöte und Keyboards geht es darum, den Geist des legendären Experimentierzirkels wieder aufleben zu lassen und das weite Jazzrock-Feld neu zu beackern.

          Soft-Machine-Kompositionen bauen sich in der Regel um ein machtvolles Riff, eine melodische Bass-Figur oder um einen einzigen lyrischen Akkord herum auf; es gibt wenig harmonische Entwicklung in der Musik. Doch gerade diese lineare Konzeption in Verbindung mit hochexpressiven Soli macht das besondere Spannungsverhältnis in ihrer Musik aus. In der Bonner „Harmonie“, der letzten Station ihrer Europa-Tournee, demonstrierten die Soft-Senioren – bis auf Theo Travis alle in den Siebzigern – welche beinahe mystischen Momente sich aus klanglicher Gemeinschaft ergeben können. Neben vier „klassischen“ Ratledge-Kompositionen stehen Stücke des Comeback-Albums auf dem Programm. Da grüßt in „Broken Hill“ – Etheridge ist hier von seltener melodischer Emphase beseelt – David Gilmour aus den Kulissen, während die Band in „Life On Bridges“ Antworten auf Roy Babbingtons Fuzz-Bass-Provokationen sucht.

          Bisweilen hat es den Anschein, als wolle Etheridge sich auf dem Griffbrett seiner Gitarre selbst überholen, doch plötzlich lösen sich all die wahnwitzigen Legato-Linien in wohlige Notenschauer auf. Seiner perfekten „Sweeping“-Technik, bei der der Spieler das Plektrum mit der Anschlaghand in eine Richtung über zwei, drei Saiten „fegt“, ist es zu verdanken, dass die Stücke bei allen betörenden Lyrizismen bald lichterloh brennen. Als Schaltzentrale entpuppt sich Theo Travis; am Keyboard steuert er die entscheidenden Strukturelemente bei, mit seiner Flöte grundiert er die Sogwirkung von „Chloe And The Pirates“, als Saxophonist heizt er mit repetitiven Riffs Stücke wie „Gesolreut“ oder „The Tale Of Taliesin“ bedrohlich auf.

          Zum Höhepunkt avanciert die Neufassung von „Out Bloody Rageous“ vom legendären „Third“-Album: Hier ist es wieder, jenes kosmische Klingeln, wie ältere Fans gern die kreiselnden Motivketten der Orgel nennen, die sich – in mehreren Schichten übereinander liegend – langsam gegeneinander verschieben. Doch weniger schwebend, dafür perkussiver und drängender kommt der Ratledge-Klassiker heute daher. Konnte man das neue Album „Hidden Details“ schon als Testament der verschiedenen Soft-Machine-Ausgaben verstehen, so dürfte die Live-Band heute eine Nachlass-Erklärung für die gesamte Canterbury-Szene abgeben.

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