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Neues Album von Bright Eyes : Live aus dem Marianengraben

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Das Altern ist auch nicht mehr zu leugnen: Conor Oberst und seine Band Bright Eyes Bild: dpa

Die amerikanische Krise, reflektiert in einer Stimme: Bright Eyes veröffentlichen nach fast einem Jahrzehnt wieder ein Album. Es klingt wie eine Umarmung der modernen Zivilisation und ist zugleich Soundtrack ihres Untergangs.

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          Ein schlaksiger Mann um die zwanzig singt in den Sonnenuntergang hinein, und Zehntausende hängen an seinen Lippen. Begleitet nur von seiner Gitarre, das schwarze Haar im Gesicht, trägt er „Lua“ vor, einen Song voller Einsamkeit, dessen aufs Minimalste reduzierte Lebensbejahung seinen Zuhörern offenbar aus dem Herzen spricht: „It’s not something I would recommend / But it is one way to live.“ Das Video, aufgenommen auf dem Coachella Festival in Kalifornien und weiterhin im Netz abrufbar, stammt aus dem Jahr 2005.

          Fünfzehn Jahre später ist von der Schlaksigkeit des Sängers nichts mehr zu erahnen, das Altern ist auch nicht mehr zu leugnen. Conor Oberst, mittlerweile vierzig und vom Leben geschlagen, ist jüngst erstmals seit langem wieder gemeinsam mit seiner Band Bright Eyes aufgetreten. Auf dieses Comeback hätte kaum noch einer gewettet. Dabei konnten der Ort und die Bedingungen des Auftritts zeichenhafter nicht sein: Um die Vorgabe des Social Distancing zu wahren, wurde die Band aus einem Studio zugeschaltet ins derzeitige Leitmedium der außerparlamentarischen Opposition. Der Song, den sie für Stephen Colberts „Late Show“ auswählten, markiert den Abgrund, der sich zwischen 2005 und 2020 auftut: Das kalifornische Abendrot ist verloschen, was nunmehr vorherrscht, ist die lichtlose Schwärze am tiefsten Punkt der Erde, dem „Mariana Trench“.

          Der Song, unterlegt von marschierenden Beats und getragen von sphärischen Synthesizerklängen, trifft eine mehr als pessimistische Zeitdiagnose: Die Todesglocke erklingt, während die Märkte zusammenbrechen. Der Cowboy, gerade erst aus der Reha entlassen, säuft sich zu Tode. Eine Riesenwelle verschlingt die legendäre Interstate 405, die Nord- und Südkalifornien miteinander verbindet. Und während man sich selbstgenügsam aufs Kleine und vermeintlich Heile zurückzieht („They’d better save some space for me / In that growing cottage industry“), bereitet man sich zugleich auf den bevorstehenden Krieg vor: „And now I’m ready for the war“. Hätte man „Mariana Trench“ im Jahr 2005 angehört, das mit dem Hurrikan Katrina selbst ein katastrophisches war, hätte man den Song vermutlich als „dystopisch“ bezeichnet. Aber das war einmal.

          Unverändert, vielleicht nur etwas dunkler, ist allerdings Conor Obersts Stimme, die gerade durch ihre unverhohlene Schwäche betört. Sie hat immer schon die wichtigste Rolle bei Bright Eyes gespielt, allein der Kontext ist jetzt ein anderer: Während sie in „Lua“ und eigentlich auf dem gesamten dazugehörigen Album „I’m Wide Awake, It’s Morning“ die Selbstreflexionen eines jungen Amerikaners zu Beginn des 21. Jahrhunderts zum Ausdruck brachte (deren ausgestellte Melancholie irgendwann auch zu einem gewissen Überdruss führen konnte), dient sie nun als Reflektormedium für das Große und Ganze. In der bisweilen wegbrechenden, sich dann aber wieder aggressiv aufbäumenden Stimme artikuliert Oberst – als stellvertretend Leidender, wenn man so will – die Unruhe und Zerrissenheit der amerikanischen Gegenwart.

          „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ lautet der Titel des neuen Albums, ein konzeptuelles und schwieriges Werk, sowohl textlich als auch musikalisch. Es ist ein musikgewordener Zeitroman, der jede Vorstellung von harmonischer Einheitlichkeit abgeworfen hat, ja sich vielmehr wie ein zusammenzitiertes Gebilde ausnimmt: Es beginnt, im Anschluss an eine enigmatische Sound- und Wortcollage, mit einer Dixieland-Nummer („Pageturners Rag“). Im Folkrock von „Just Once in the World“ spielen im Hintergrund zitternde Mandolinen, die an Ennio Morricone erinnern. Das mit Beats aus dem Drumcomputer unterlegte „Pan and Broom“ ist eine Referenz auf die LoFi-Ästhetik der neunziger Jahre (und damit auch auf die Anfänge der eigenen Bandgeschichte). „Stairwell Song“ handelt vom „cinematic ending“ einer Liebe, das der Song musikalisch gleich selbst in die Tat umsetzt. Und in „Forced Convalescence“ bewegt sich die Band, begleitet von Flea, dem Bassisten der Red Hot Chili Peppers, in die für sie völlig ungewohnten Gefilde des Funkpop. Man könnte diese Liste noch weiterführen und müsste dabei natürlich auch die Texte miteinbeziehen: Das Spektrum der Referenzen reicht von den Visionen des Propheten Ezechiel über den Anschlag auf das Pariser Bataclan bis zu Pink Floyds „Wish You Were Here“.

          Verbindet man den ausufernden Zitatcharakter des neuen Werks mit dem apokalyptischen Szenario, das im Kernsong „Mariana Trench“ entfaltet wird, so ergibt dies – ja, was eigentlich? Man wird nicht schnell fertig mit diesem Album: Was ist mit dem pontifikalen „Benedicente, benedicente, benedicente“ in einem Song mit dem Titel „To Death’s Heart“ anzufangen? Und was bitte soll die Erwähnung des Tiananmen-Massakers in „Persona Non Grata“ bedeuten? Fragen wie diese werden allerorten aufgeworfen, hier aber zumindest ein Deutungsansatz: Dem Selbstanspruch nach ist „Down in the Weeds, Where the World Once Was“ eine popmusikalische Summe der modernen Zivilisation in ihrer ganzen faszinierenden Vielfalt und verletzlichen Heterogenität – ein Ansatz übrigens, den Bob Dylan seit einigen Jahren ebenfalls und auf eigene Weise verfolgt. Wie eine Arche will es sie in sich aufnehmen, bevor die große Flut – „that big wave“ – sie unweigerlich erfassen wird. Und zugleich liefert das Album, das programmatischerweise überfrachtet ist, den Soundtrack zu diesem Untergang: „Now all I can do / Is just dance on through“. Es scheint, als seien Bright Eyes nunmehr mit unter die Tanzmusiker gegangen, aber es ist eine Tanzmusik im Zeichen des Fatalismus.

          Bright Eyes: „Down in the Weeds, Where the World Once Was“. Dead Oceans

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