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Popmusik und Pathos : Man muss Plastik auch mal ernst nehmen

Die großen Posen in großen Dosen: Win Butler (in der Mitte) von Arcade Fire, am Mittwoch auf der Bühne im schweizerischen Nyon. Bild: EPA

Die kanadische Popband Arcade Fire, früher mal ein Wanderzirkus der Gitarrenmusik, tut auf ihrer neuen Platte „Everything now“ so, als läge das Seelenheil in Kitsch und falschen Posen.

          Es gibt unter Menschen, die Popmusik hören, die Idee vom sogenannten peinlichen Lieblingslied: Damit sind Songs gemeint, die man wider besseres Wissen mag. Weil man sonst ja nur bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln mag oder jedenfalls Musik mit Abitur. Aber dann für „Barbie Girl“ eine Ausnahme macht. Für Plastik. Für Kommerz. Für schnell Verglühtes, das Herz auf Schmerz reimt. Noch schlimmer wird es dann, wenn Rockbands Popklassiker covern, wenn Discohits auf der Bluesgitarre gespielt werden, so als würden diese Hits erst dann überhaupt zu ihrer wahren Bestimmung finden. In Wahrheit werden sie entmündigt.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Natürlich dient das Konzept des peinlichen Lieblingslieds aber vor allem dazu, die eigene Geschmackssicherheit nur weiter zu unterstreichen – weil man sich ja bewusst ist über die Geschmacksverirrung und das ironisch-betroffen beichtet. Dass für andere Menschen solche peinlichen Lieblingslieder einfach nur Lieblingslieder sind, verstärkt den Effekt einer falschen Großzügigkeit am Ende sogar noch. Denn umgekehrt würden Fans von „Barbie Girl“ bestimmt nicht von peinlichen Lieblingsliedern sprechen, wenn sie plötzlich bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln mögen. Sie wären vielleicht irritiert und würden sich fragen, warum sie so ein Zeug auf einmal mögen. Und dann vielleicht darauf kommen, dass es an der Musik liegt.

          Jedenfalls ist Popmusik keine Erziehungsanstalt. Aber wir machen sie halt gern dazu, weil sie sich, wie jede Kunstform, hervorragend dazu eignet, sozialen Status zu markieren.

          Es gibt keine peinlichen Lieblingslieder. Lieblingslieder sind immer Lieblingslieder, egal wie, deswegen heißen sie ja so. Es ist doch im Gegenteil ein Beweis dafür, wie gut ein Song ist, wenn plötzlich Fans von finnischem Rap bei Enrique Inglesias mitsingen. Das zu verweigern, sich zu winden und zu schämen, weil es nicht zum Ernst passt, mit dem man sonst durch die Welt zu gehen und Platten zu kaufen glaubt: ist Selbstkasteiung. Danke, Luther.

          Arcade Fire aus Kanada waren mal die Band für alle, die bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln hören. Und jetzt haben sie eine ganze Platte mit Songs aufgenommen, die vom Trick leben, peinliche Lieblingslieder clever zu produzieren, „Everything Now“ heißt sie, und die Sache ist nicht ganz einfach, weil Arcade Fire mal eine wirklich richtig gute Band waren und man sich wünscht, sie würden es bleiben oder wieder werden.

          Eine besondere Gabe für die komplexen Hymne

          Die erste Platte der Band, „Funeral“, erschien 2004 und bot, weil Arcade Fire immer schon mehr Orchester als Band waren, weil man Akkordeons darauf hören konnte und französisch gesungen wurde, eine Mischung aus exzentrischem Gitarrenpop und straßenmusikalischem Wanderzirkus. Das war entwaffnend. Vor allem, weil damals gerade erst jene Phase langsam zu Ende ging, in der neue Bands meist in klassischer Besetzung – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang – und kargem Style aufgetreten waren. Arcade Fire aber donnerten und dröhnten und bauschten auf, sie dramatisierten und sangen mit geschlossenen Augen, was in der Kombination mit den innigen, vertrackten Melodien irritierend neu und deswegen besonders elektrisierend war.

          Man spürte sofort, dass Win Butler – der aus Texas nach Montreal gekommen war und Arcade Fire dort mit seiner Frau Régine Chassagne gegründete hatte – eine besondere Gabe für die komplexen Hymne hatte. Für die eigenartigen Traummelodie, hochfahrend, empfindlich, auftrumpfend, kaputt. Tatsächliche schrieben Arcade Fire für die Verfilmung der „Hunger Games“ später die Nationalhymne von Panem, aber charakteristischer für ihren Hang zur dystopischen Hymne waren Songs wie „No Cars Go“ oder „Intervention“ vom zweiten Album „Neon Bible“. Das erschien 2007 und schoss in Amerika und England ganz vorn an die Charts. Jetzt wurde die Band für Preise wie den Grammy nominiert – und all das mit komisch verbogenen Songs, die trotzdem Hits wurden.

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